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Drei Personen stehen in einer modernen Kirche vor einem Altar mit Kerzenständern.
15. September 2026
Lesezeit: 6 Minuten

Forschung & Zukunftsexperimente

Rückblick auf die Manifesta 16+

Zu uns, in das Nachbarschaftsprojekt SHAPING TOMORROW:OPEN HOUSE NES COMMUNITIES, unterstützt durch die Manifesta 16 Ruhr gGmbH, kamen bis Mitte September 856 Menschen in 28 Veranstaltungen in die Dortmunder Heilig-Geist-Kirche in der westlichen Innenstadt. Wir können also festhalten: Die Nachbarschaft ist an einem Zusammenkommen interessiert.

In das Projekt waren die Kunstprojekten GRIDS – MODULARE INTERVENTION IM RAUM, gefördert vom Kulturbüro und Stadt Dortmund, und MACHEN IST WIE WOLLEN, NUR KRASSER , gefördert von Interkultur Ruhr, RVR und MKW NRW, integriert.

Was entsteht, wenn die Nachbarschaft zusammenkommt?

Die partizipativ angelegte Kunstausstellung sollte zum Mitmachen anregen und gleichzeitig den besonderen Sound der Kirche in Szene setzen. Oliver Mark und David Janzen haben hierzu Arbeiten entwickelt, die rund 400 Menschen im Juli besuchten.

Auch das Kino mit dem Filmemacher Horst Herz, der im benachbarten Althoffblock wohnt, wurde von über 150 Menschen besucht. Das Interesse war größer als die räumlichen Kapazitäten. Wir konnten deshalb gar nicht allen Interessierten ausreichend Platz bieten. Einige Menschen stiegen kurzerhand durch die Fenster in die Kirche und wir sahen eng an eng den Film PHOENIX FLIEGT.

In den drei städtebaulichen Kolloquien der Fakultät Raumplanung der TU Dortmund informierten sich rund 200 Menschen über verschiedene Strategien zu Kirchen-Umnutzungen. Die Architekturentwürfe für Kirchen-Umbauten der Fakultät Architektur der TU Dortmund zogen nicht nur über 100 Studierende an. Auch viele Nachbar*innen nutzten die Gelegenheit, sich die neuartigen Entwürfe anzuschauen und sich mit möglichen Veränderungen von Kirchen auseinanderzusetzen.

Beim Hitze-Quiz der Architektur-Studierenden der FH Dortmund, bei dem Nachbar*innen in zwei Gruppen gegeneinander antraten, wurden auf spielerische und dadurch teilweise ziemlich erschreckende Weise die enormen Auswirkungen von Hitze auf unterschiedliche Stadträume sichtbar.

Gemeinsam mit dem Seniorenbüro-West, dem Umweltamt der Stadt Dortmund und der Apothekerin Kattrin Hildebrandt von der Westfalia-Apotheke Dorstfeld haben wir Tipps und Tricks im Umgang mit Hitze besprochen. Außerdem haben wir getestet, ob die kirchlichen Räume tatsächlich kühle Orte bereithalten. Gerade in diesem Sommer mit seiner langen Hitzewelle hat das viele Menschen interessiert.

Gemeinsam mit der Urbanistin Sarah Haas haben wir Menschen aus verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten niedrigschwellig handwerkliche Fähigkeiten vermittelt. Der Fokus lag dabei auf dem „Machen“ als Mittel zur Selbstwirksamkeit.

Das gemeinsam gebaute DJ-Pult wurde im September an einen ganz besonderen, bisher ungenutzten Außenraum der Kirche eingeweiht. Die besondere, herzliche, offene und kreative Stimmung dieses Abends werden wohl mehr als 60 Menschen in ihrem Herzen tragen. Musik, unter anderem von DJ Downtown Habiba Brown, Picknickdecken, Menschen tanzend und in den Bäumen sitzend. Ein Ort, der sonst kaum genutzt wird, wurde plötzlich zum Treffpunkt.

Lokale Vereine und Initiativen wie das Mütterzentrum, der dings e.V., der Verbund der soziokulturellen Migrantenvereine in Dortmund und das sweetSixteen Kino sorgten für eine nachbarschaftliche Einbindung und viele tolle Programmpunkte innerhalb des Projekts. Der Film DAS GEGENTEIL VON GRAU von Recht auf Stadt Ruhr und Filmemacher Matthias Coerdt zeigte die regionale Vergangenheit verschiedener Raumnutzungen durch lokale Initiativen im Ruhrgebiet und sorgte für viel Gesprächsstoff beim anschließenden Kuchen essen.

Wer kommt eigentlich zusammen?

Insgesamt waren die Veranstaltungen so bunt besetzt, wie wir es selten bzw. noch nie erlebt haben. Interessierte und neugierige Menschen waren da, aber auch skeptische Nachbar*innen. Die Fachwelt war da, Menschen aus Hochschulen, Institutionen und unterschiedlichen Verwaltungen. Kein Wunder, Dortmund ist ja auch Raumplaner-Stadt. Es waren Familien da, Jugendliche, jüngere und ältere Menschen, bis hin zu sehr alten Menschen. Auch Menschen aus verschiedenen sozialen, kulturellen und religiösen Kontexten waren dabei.

Niemand ließ sich von der Symbolik der Kirche davon abhalten, teilzunehmen. Genau das war zu Beginn eine der großen Sorgen im regionalen Beteiligungsprozess. In der Urbanen Vision von Josep Bohigas wird die Idee formuliert, Kirchen als offene Nachbarschaftstreffpunkte zu verstehen. Ob eine solche Öffnung tatsächlich funktioniert, war für uns zunächst nicht selbstverständlich. Auch auf der Kulturkonferenz Ruhr am 11. September wurde diese Sorge noch einmal geäußert. Unsere Erfahrungen der vergangenen Monate geben darauf eine ziemlich klare Antwort: Ja, es funktioniert.

Was braucht ein Quartier bzw. die Region?

Wir Urbanisten stellen in vielen Projekten immer wieder fest, dass es Treffpunkte und Möglichkeiten zur Beteiligung braucht. Menschen brauchen Orte, an denen sie zusammenkommen, Dinge ausprobieren, sich einmischen oder einfach nur Zeit verbringen können.

Nach den diesjährigen Erfahrungen, gepaart mit den Erkenntnissen der europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 und vielen Prozessen dazwischen um kreative Regionalentwicklung, wie den Kreativ.Quartieren Ruhr, dem Landschaftslabor Ruhr, der urbanen Liga Ruhr, dem Netzwerk X, gescheiterten Projekten wie land for free und dem Innovationsband Ruhr, können wir festhalten, dass es ein regionales Festival „von unten“ braucht, dass die einzelnen Quartiere im Ruhrgebiet stärkt.

Im Ruhrgebiet gibt es viele unterschiedliche Ansätze, Ideen und Akteur*innen. Ein Festival, das die lokalen Akteur*innen in den Mittelpunkt stellt, bei dem ihre Ideen und Impulse sichtbar werden, könnte neue Netzwerke schaffen, Begegnungen nachhaltig weiterleben lassen und vielleicht sogar neue Räume dauerhaft öffnen.

Wie viele Orte braucht eine Stadtgesellschaft? Wie wichtig sind solche Orte? Was braucht es für Ankerpunkte in einem Quartier? Wer kann diese Orte betreiben und welche Funktionen müssen sie erfüllen? Und brauchen wir neben dem viel diskutierten Dritten Raum, also neben dem Zuhause als erster und Arbeitsplatz als zweiter Raum, vielleicht auch einen vierten Ort für Spiritualität?

Fragen um gemeinschaftlich genutzte, gemeinwohlorientierte Räume treiben uns Urbanisten seit über 15 Jahren an. Durch verschiedene Reallabore und Projekte versuchen wir immer wieder, darauf Antworten zu finden und neue Formen des Zusammenkommens auszuprobieren. Ein regionales Festival, das die besondere subkulturelle Power und die spannenden Identitäten von Hunderten Ruhrquartieren zeigt und gleichzeitig die lokalen Akteur*innen miteinander verbindet, würden wir uns im Nachgang der Manifesta 16 Ruhr wünschen.

Wie geht es weiter?

Zwischen dem 18. bis 23. September 2026 werden die Ausstellungen INSATIABLE von Verena Issel und GRIDS von Oliver Mark udn David Janzen noch zu sehen sein. Außerdem werden wir ein Video posten, das visuelle Einblicke in das Projekt rund um die Heilig-Geist-Kirche gibt und zeigt, was dort in den vergangenen Monaten alles passiert ist.

Wir würden uns sehr freuen, im Nachgang zur Manifesta 16 Ruhr über die Urbane Vision zu sprechen und gemeinsam mit unterschiedlichen Akteur*innen an ihrer langfristigen Umsetzung zu arbeiten. Hier halten wir den Trialog zwischen Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft für eine geeignete Methodik, um individuelle und strukturelle Lösungen für Kirchennachnutzungen im Ruhrgebiet zu schaffen.

© Svenja Noltemeyer

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