
Kunst als Türöffner kirchlicher Räume?
Die Urban Vision von Josep Bohigas für die MANIFESTA 16 RUHR versteht das Ruhrgebiet als polyzentrischen, postindustriellen Raum im Wandel. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie öffentliche Räume und Nachbarschaften besser miteinander verbunden und sozial aktiviert werden können und ob dabei ehemalige Kirchen zivilgesellschaftliche Infrastruktur für alle sein können. Ausgehend von der Nachkriegsgeschichte, in der Kirchen häufig Zentren der Gemeinschaft waren, entwickelt Bohigas alternative städtebauliche Lösungen. Kunst, lokale Initiativen und Einwohner*innen sollen dabei gemeinsam neue Nutzungen schaffen und so sozialen Zusammenhalt, Identität und Lebensqualität im Ruhrgebiet stärken.
Die Urbanisten haben im Projekt SHAPING TOMORROW: OPEN HOUSE, NEW COMMUNITIES im Rahmen der Manifesta 16+ ein Raumexperiment in der Dortmunder Heilig-Geist-Kirche gewagt und durch Kunst neue Nutzungen und Netzwerke eingebracht. Hier ein Rückblick:
Film/Video
Am 15. August 2026 haben wir die Filme DAS GEGENTEIL VON GRAU und PHOENIX FLIEGT gezeigt. Morgens kamen zum Kinderwagen-Kinoformat ca. 20 Interessierte zusammen, die sich in lockerer Atmophäre – man konnte flüstern, rein und raus gehen, entspannt sitzen/liegen, die Babysitterin einbeziehen – einen Überblick über verschiedene Raumaneignungen im Ruhrgebiet verschafft haben. Der Film von Recht auf Stadt Ruhr und Regisseur Matthais Coers unter Begleitung der Urbanisten zeigte eindrücklich, welche verschiedenen Bereich von Leben durch Gemeinschaftsräume und geteilte Infrastrutur positiv beeinflusst werden. Im Anschluss haben alle noch nett draußen zusammengesessen, die Omas gegen Rechts haben Kinderbücher vorgelesen und alleinerzeihende Eltern kamen in den Genuss einer kostenlosen Massage.
Am Abend wurde der Gemeindesaal von ca. 150 Nachbar*innen überlaufen. Aufmerksam durch eine Postkartenaktion in der Nachbarschaft wollten sie den im Stadtteil lebenden Regisseur Horst Herz, seinen Film über die Verbindung von Industrie und Kultur im Ruhrgebiet und die anschließende Diskussion mit Kunstschaffenden erleben. Das Angebot wurde quasi überrannt und teilweise sind die Menschen über die Fenster zugestiegen, da sie an der Tür wegen Überfüllung abgewiesen werden mussten. Am Ende haben 116 Menschen dicht an dicht in den Gemeindessal gepasst. Es war ein tolles Erlebnis, in diesem Setting den Film zu schauen und miteinander ins gespäch zu kommen.
Ein großer Dank gilt hier dem SweetSixteen Kino, das für professionelle Technik gesorgt hat, und dem Mütterzentrum Dortmund, die für den kulinarischen Genuss zuständig waren.
Bildende Kunst
Die Ausstellung GRIDS – Modulare Intervention im Raum zog in den ersten drei Wochen ca. 400 Besuchende an. Jugendliche, Familien, ältere Gäste, viele haben die Einladung von Künstler Oliver Mark angenommen, die großformatigen Buchstaben in der Kirche zu eigenen Begriffen zusammenzustellen -bspw. „no war“ (Kein Krieg), „Freude“ und „Catherine“ (Name der Mutter) – und davon eigene Fotos als Erinnerung mitzunehmen.
Bis auf eine Ausnahme wurde die Klanginstallation des Künstlers David Janzen als besonders wohltuende Geräuschquelle empfunden, die im sakralen Kirchenraum für zusätzliche Entspannung sorgte. Es gab Vergleiche zu Meeresrauschen und Stimmen, die besagten, dass man ewig hier sitzen und den eigenen Gedanken folgen könne.
Beide, partizipativ ausgelegten Kunstwerke waren individuell für die Heilig-Geist-Kirche mit Unterstützung des Dortmunder Kulturbüros umgesetzt worden und lockten neugierige Menschen (Nachbarschaft: „Einfach mal reinschauen, die Kirche kenne ich noch gar nicht bzw. von früher bzw. der eigenen Hochzeit/Taufe“ & Manifesta-Gäste: „Eine der besten Ausstellungen zur Manifesta“) in die Kirche.
Tanz und Musik
Am 12.09. folgt das Event, dass hier in Kürze reflektierend näher beschrieben werden wird. Die Veranstaltung war Teil des Projekts „Machen ist wie wollen, nur krasser“ unter der Leitung von Künstlerin Sarah Haas, das mit Unterstützung der Interkultur Ruhr (Regionalverband Ruhr und Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW) umgesetzt werden konnte.
Architektur/Raumplanung
Von Seiten der TU und FH Dortmund wurden Beiträge eingebracht, die sich mit den Prozessen und der Architektur von Kirchenumnutzungen beschäftigen. Hier kamen neu in den Personenmix des Gesamtprojekts institutionelle Verterter*innen, Studierende und wissenschaftlich tätige Personen sowie Vertreter*innen der katholischen und evangelischen Kirche. Die Veranstaltungen zogen auch die unterschiedlichsten Menschen aus der Nachbarschaft an, die sich für die Themen und neuen Aktivitäten in der Kirche interessierten, sowie Personen aus der städtebaulichen Fachwelt, die über etablierte Verteiler gut erreichbar sind und stets spannende Angebote in Dortmund gut annehmen. Insgesamt erreichten die fünf einzelnen Veranstaltungen ca. 320 Menschen, darunter die städtebaulichen Kolloquien als auch die Entwurfspräsentationen.
Resumee
Kunst diente folglich schon als Türöffner kirchlicher Räume, da die Aktivitäten neue Nutzungen einbrachten. Die Veranstaltungen sorgten für neue Netzwerke, denn es kamen die unterschiedlichsten Menschen zusammen: Aus dem Kirchenkreis, aus verschiedenen (sub)kulturellen Zusammenhängern der Nachbarschaft, aus Verwaltungen und Institutionen, von Jugendlichen bis hin zu hochbetagten Personen, von an Diskussion interessierten aktiven Teilnehmenden zu rein neugierigen Reinschauenden, Familien, Einzelpersonen oder anderen Kuntschaffenden.
Vielfalt wurde erlebbar, Uneinigkeiten miteinander besprochen und neue Erkenntnisse wurden durch den vielseitigen Austausch gewonnen. Wir hoffen, dass durch die Manifesta 16+ in der westlichen Innenstadt neue Netzwerk entstanden sind, die irgendwann irgendwo wieder zueinanderfinden. Ein gutes Beispiel ist hierfür die Gruppe der zur Internationalen Gartenausstellung (IGA) 2027 ausstellenden Dortmunder Insitutionen. Diese kam erstmalig in der Manifesta-Kirche auf Initiative von Beate Vogel und Svenja Noltemeyer zusammen, um sich kennenzulernen. Seitdem gibt es regelmäßige Treffen und Kooperationen entstehen. Dortmund kann Dorf sein, wo jede*r jeden kennt und man gemeinsam an einem Strang zieht. Und Kunst schafft den Freiraum und den Anlass hierfür!
















