Mit der Neuen Werk Union haben die Urbanisten einen langfristig angelegten, zivilgesellschaftlichen Beteiligungsprozess zur Entwicklung des ehemaligen Werk-Union-Areals im Dortmunder Unionviertel initiiert. Im Fokus steht die Frage, wie auf einer innenstadtnahen Industriebrache westlich der Dorstfelder Brücke ein zukunftsfähiges, lebendiges und identitätsstiftendes Stadtquartier entstehen kann – im selbst ausgerufenen Dialog zwischen Stadtgesellschaft, Eigentümer, Verwaltung, Fachöffentlichkeit und Politik.
Ausgangslage
Das Areal der ehemaligen Hoesch-Spundwand- und Profilwerke blickt auf eine über 150-jährige Industriegeschichte zurück und prägt das Unionviertel bis heute räumlich, kulturell und emotional. Mit der Schließeung des Arelas 2016 eröffnete sich die seltene Chance, diesen Ort neu zu denken: als Verbindung von historischem Bestand, neuen Nutzungen, Freiräumen und innovativen Stadtentwicklungsansätzen. Frühzeitig haben die Urbanisten deshalb den öffentlichen Diskurs angestoßen und Informationen, Ideen und lokales Wissen gebündelt. Der ehemalige Planungsdezernent war hierüber nicht erfreut, nahm aber bei allen Veranstaltungen aktiv teil.
Unser Ansatz
Die Neue Werk Union versteht sich als lokales Expert*innenteam und zusätzliche Fachebene im Planungsprozess. Ziel war nie ein Gegenentwurf, sondern qualifizierter Input: Anregungen, Perspektiven und konkrete Ideen aus dem Quartier, aus Planung, Kunst, Wissenschaft und Praxis. Grundlage ist die Überzeugung, dass nachhaltige Stadtentwicklung nur dann gelingt, wenn sie frühzeitig, offen und experimentell gedacht wird.
Zentrale Leitgedanken dabei sind:
- Frühe und echte Beteiligung statt späterer Standardverfahren
- Integration lokalen Wissens von Bewohner*innen, Initiativen, Unternehmer*innen vor Ort
- Innovative Planungskultur, die die Bedarfe vor Ort aufnimmt und innovative (studentische) Ideen integriert
- Pionierhafte Nutzungen als Reallabore für zukünftige Entwicklungen
- Nutzung an den Rändern als Sicherung vor Ort (Verhinderung von Schropttimmobilienproduktion)
- Wertschätzung und teilw. Erhalt von Bestand, Geschichte und Identität des Ortes
Inhalte und Aktivitäten
Zwischen 2015 und 2021 organisierte die Arbeitsgruppe zahlreiche öffentliche Formate: Fachforen, Informations- und Dialogabende, Begehungen, Workshops, Ausstellungen und Mitmachformate. Gemeinsam wurden Karten, Luftbilder, Rahmenpläne und historische Pläne ausgewertet, Möglichkeitsräume identifiziert und Ideen für Wohnen, Arbeiten, urbane Produktion, Freiräume, Kultur, Bildung und soziale Infrastruktur entwickelt. Es entstand in Zusammenarbeit mit Studierenden der TU Dortmund eine innovative Rahmenplanung.
Ein besonderer Schwerpunkt lag durch die frühzeitige Planung auf der Verknüpfung von Kunst und Stadtplanung als vermittelndes Element. Künstlerische Arbeiten, fotografische Dokumentationen, performative Interventionen und Residenzen machten den Ort erfahrbar, thematisierten Arbeit, Erinnerung, Wandel und Zukunft und eröffneten neue Zugänge zur Flächenentwicklung – auch für Menschen, die klassische Planungsprozesse sonst kaum erreichen.
Dialog mit Stadt und Eigentümer
Die Neue Werk Union stand über Jahre hinweg im Austausch mit der Stadt Dortmund und der Eigentümergesellschaft. Ideen zu Pioniernutzungen, Erhalt von Bestandsgebäuden, neuen Beteiligungsformaten und innovativen Nutzungsmodellen wurden eingebracht und diskutiert, zum Teil gemeinsame Projekte bei Förderern eingereicht. Gleichzeitig zeigte der Prozess auch die Grenzen ehrenamtlicher Beteiligung auf, insbesondere dort, wo Anregungen aus der Zivilgesellschaft auf keinerlei Interesse der Zuständigen stießen. Bis heute (Stand 2026) hat niemand nach den Ergebnisse der Neuen Werk Union gefragt.
Pause und Reaktivierung
Mangels Fortschritten im Zusammenspiel zwischen Stadt, Eigentümer und Zivilgesellschaft stellte die Arbeitsgruppe ihre Aktivitäten 2021 ein. 2024 wurde die Neue Werk Union reaktiviert, nachdem denkmalwürdige Gebäude ohne vorherige Ankündigung abgerissen wurden. Mit einer öffentlichen Stellungnahme machte die Gruppe erneut auf die Bedeutung des Areals für das Unionviertel aufmerksam und setzt sich weiterhin für eine transparente, qualitätsvolle und nachbarschaftsorientierte Entwicklung ein.
Selbstverständnis
Die Neue Werk Union war eine offene, ehrenamtlich getragene Initiative. Ihr Anspruch ist es, Stadtentwicklung als gemeinsamen Lern- und Aushandlungsprozess zu begreifen – offen, kritisch, konstruktiv und mit einem langen Atem. Sie lebte vom Engagement der knapp 10-köpfigen Arbeitsgruppe aus Studierenden, Wissenschaftler*innen, Kunstschaffenden, Unternehmer*innen und Lokalpolitiker*innen sowie der konstanten Beteiligung interessierter Menschen aus dem Quartier und darüber hinaus. Hier konnten über 200 Personen im Verteiler aufgenommen werden.
Chronik:
Der erste Schritt, den die Urbanisten im Herbst 2015 unternommen haben, war die Organisation des SEiSMiC-Forums. Hier haben wir uns vom 21. bis 22. April 2016 mit verschiedenen internationalen Fachleuten, begleitet durch die Humbold Universität Berlin und die Zukunftsakademie NRW, zusammengesetzt, um über und das HSP-Areal als Möglichkeitsraum und Stadtentwicklung zum Selbermachen öffentlich zu diskutieren. Danach forderten wir die Stadtverwaltung auf, Informationen zum Verkauf und der möglichen Weiterentwicklung des HSP Areals öffentlich zu machen. Den ersten Aufschlag gab es dazu im Nordwärts Quartierscafé im Haus der Vielfalt am 14. November 2016, den wir moderiert haben. Dabei ging es hauptsächlich darum, die Menschen im Quartier zu informieren und zu schauen, welche Themen dabei angesprochen werden. Weil viele Leute Interesse an der Entwicklung des riesigen Gebiets zeigten, haben wir Urbanisten am 7. Dezember 2016 einen Beteiligungsprozess organisiert (ca. 60 Personen im Verteiler) und arbeiten seitdem regelmäßig mit einer offenen Arbeitsgruppe am Thema (ca. 15 Personen im Verteiler).
Gestartet ist die Arbeitsgruppe Neue Werk Union im Frühjahr 2017 mit der Recherche und Aufarbeitung von Informationen zu Geodaten, historischen Plänen, Luftbildern und der Entwicklung einer kleinteiligen Entwicklungsstrategie, die schützend auf Besonderheiten des Geländes reagiert (Verhinderung von Schrottimmobilien an sofort nutzbaren Standorten am Rande des Areals). Die Ergebnisse haben wir am 23. Februar 2017 präsentiert: Beim Info-Abend haben wir Urbanisten zum zweiten mal alle Interessierten und die Stadtverwaltung eingeladen, sich über den Planungsprozess auszutauschen und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie man diesen bereits heute durch Zwischen- und Pioniernutzungen gestalten kann. Knapp 60 Menschen haben sich in der Werkhalle zu den Themen IGA, Wohnen, Standortanalyse und Möglichkeitsräume ausgetauscht.
Am Tisch mit aktuellen und alten Karten sowie Luftbildern wurde angeregt diskutiert und konkrete Ideen oder Visionen für besondere Orte konnten entwickelt werden. Die hoch aufgelösten Luftbilder halfen, sich einen Überblick über die bis jetzt noch verschlossene Welt zu verschaffen. Es wurde gerätselt, was sich hinter den großen Lagerhallen im „Inneren“ des Geländes befindet. Insgesamt wurde deutlich, dass eine Begehung dringend notwendig ist, um erste Nutzungsideen weiter voran zu treiben. Die Darstellung eines möglichen Prozesses zur Entwicklung des Geländes verdeutlichte eine interessante Smybiose aus informellen (nutzergetragen) Aktivitäten und formellen Abläufen (Verwaltungsverfahren, klassische Bürgerbeteiligung). Besonderen Stellenwert hätte hierbei die Einrichtung einer Anlaufstelle für sämtliche Akteure, also interessierte Bürger und Unternehmen. Hier wurde unter dem Titel „Ideenbox“ der Bedarf eines Informations- und Kommunikationsorts für das Quartier deutlich. Des Weiteren wurde das Thema „Selbstgebaute Stadt“ von den Teilnehmenden angeregt diskutiert. Dabei kam immer wieder die Frage auf: Ist es wünschenswert oder überhaupt möglich, für ein kleines Areal auf der HSP-Entwicklungsfläche keine Nutzung festzulegen und stattdessen nutzergetragene laborartige Entwicklungen unter Nutzung des kreativen/innovativen Potentials im Unionviertel auszuprobieren? Das könnten Reallabore als Möglichkeitsräume für neue Lebensgemeinschaften und Güterkreisläufe sein oder als Raum für Innovationen, für etwas Neues und Besonderes in der Stadt Dortmund.
Am 1. Juni 2017 fand die erste Begehung des Areals mit der Thelen-Gruppe und der Stadtverwaltung statt und die Ideen von Möglichkeitsräumen wurden mit allen Interessierten am 7. Juni 2017 bei einem Themen-Abend weiterentwickelt. Dabei sind verschiedene konkrete Ideenblätter einzelner Akteure entstanden. Diese beinhalten neben temporären und langfristigen Nutzungen von Bestandsgebäuden auch Interventionen in den öffentlichen Raum und die pionierartige Aneignung von Freiräumen um zur sozialen und innovativen Stadtentwicklung beizutragen. Im Herbst 2017 haben wir diese umfassende Projektseite erstellt, uns den Namen „Neue Werk Union“ gegeben und sind auf die Eigentümergesellschaft Thelen-Gruppe zugegangen. Im Oktober gab es das erste Kennenlerntreffen zwischen Neuer Werk Union und Thelen-Gruppe und im November die erste Begehung der Verwaltungsgebäude, die wir mit dem Ziel verfolgten, die Produktion von Schrottimmobilien zu vermeiden. Es gibt viele Ideen für die Nachnutzung der Gebäude und Landmarken, die teilweise kurzfristig (Atelier- und Büroräume) als auch mittel- und langfristig (Kita Mini-Urbanisten) umsetzbar sind und von z.T. regionalbedeutenden Instituten verfolgt werden würden und damit für das Unionviertel und die Stadt von hoher Bedeutung wären.
Am 18. Januar 2018 gab es ein Treffen der großen Arbeitsgruppe, zu dem alle eingeladen wurden, von denen wir bislang die Emailadressen gesammelt haben (83 Menschen). Begonnen haben wir das Treffen mit einem Rückblick über unsere Aktivitäten im Jahr 2017, zu der auch das Kennenlerntreffen zwischen der Arbeitsgruppe und den Käufern des Geländes, der Thelen-Gruppe gehörte. Schwerpunktthema des Treffens war die Vorstellung der temporären Kunst- und Stadtentwicklungsprojekte zum Areal. Dazu gehören bspw. die Ausstellungen der KünstlerInnen Babette Martini, Sabrina Richmann und Eisenhart Keimeyer sowie die Party des internat. PlanerInnentreffens unter der Brücke an der Huckarder Straße. Im Anschluss sammelten wir im Rahmen eines World-Cafés mit der Fragestellung „Was macht einen gut funktionierenden Stadtteil aus?“ vertieft Ideen zu den drei Schwerpunktthemen Gebäude/Architektur, Freiraumentwicklungen, Prozesse/Konzepte/Visionen.
Am 19. April 2018 haben wir die aktuell 134 Menschen im Verteiler, darunter auch viele interessierte Fachplaner, zu einer neuen Werk Union Veranstaltung unter dem Motto „Von Möglichkeiten und bisherigen Ideen im Dialog“ eingeladen. Der Bezirksbürgermeister Innenstadt-West Dortmund, StadtBauKultur NRW, die Stadt Dortmund, die Bahnhof Mooskamp GmbH, die reicher haase assoziierte GmbH und Urbane Künste Ruhr haben einen Input eingebracht und mit den Teilnehmenden diskutiert: Kommt Bewegung in die Werk Union und nutzen wir die Chance, einen einzigartigen Stadtteil zu entwickeln?
Mitglieder der Arbeitsgruppe Neue Werk Union haben am 8. Juni 2018 an einer Begehung teilgenommen, die von Nordwärts durchgeführt wurde. Diese lud zwar damit ein, dass es schon viele Entwicklungsideen gibt, über diese wurden aber bei der Führung nicht gesprochen. Auch wurde durch ein Gespräch im Anschluss mit Stadt und Themen-Gruppe deutlich, dass ihren Auffassungen nach Anregungen der Neuen Werk Union nicht im Austausch deutlich gemacht oder umgesetzt werden müssen. Dabei handelte es sich konkret um die Organisation von öffentlichen Begehungen, die Anmietung von Leerständen als kreative Arbeitsplätze, die Ansiedlung eines europäischen Projekts zu urban Farming oder den allgemeinen Austausch zu unserer Meinung nach erhaltenswerten Elementen wie bspw. dem Garagenhof oder dem westlichen Pförtnergebäude.
Laut Ruhrnachrichten vom 11.6.18 war die Zukunft des Areals noch ungewiss. Am 21.6.18 wurde jedoch der Rahmenplan veröffentlicht, der von den Ruhrnachrichten als „Der Bruder des Phoenix-Sees“ tituliert wurde. Ähnlich wie der zuvor bei den Info-Abenden gezeigt wurde, beinhaltete er bekannte Nutzungsareale, die durch einfach gesetzte Häuser und Andeutungen von Wegen ergänzt wurden. Im Rat wurde die Vorlage zur IGA 2027 am 12.6.18 zur Kenntnis genommen werden. Das in der Drucksache 11438-18 geschrieben wird, dass es im Mai 2018 einen Workshop gab, „um sich mit Eigentümern und vor Ort aktiven Partnern intensiv über Entwicklungsperspektiven, Potenziale und Kooperationsmöglichkeiten auszutauschen“ revidieren wir für uns. Weder mit Neuer Werk Union als aktive Gruppe vor Ort noch mit dem Union Gewerbehof als wichtigen Eigentümer vor Ort, wurde das Gespräch gesucht.
Ein Treffen zur Besprechung des Rahmenplans gab es am 11.Juli 2018. Es gab vor allem die Kritik, dass er sehr steril, sehr geradlinig, wenig organisch, wenig innovativ auf den ersten Blick erscheint. Eine räumliche Kombination von Gewerbe und Wohnen oder innovativen Nutzungen (urbane Produktion, tiny houses, Aquaponik u.ä.) in Kombination mit einer innovativen Landschaftsgestaltung ist nicht erkennbar. Zudem gab es viele Fragen zum Bassin (u.a. Regenwassermanagement, Zugänglichkeit, Gestaltung, Zielgruppe, Nutzung, Mehrwert, Kosten!).
Ein zweites Treffen zum Rahmenplan haben wir am 29. August 2018 im Union Gewerbehof veranstaltet, bei dem Ideenskizzen konkretisiert wurden und allgemein über den Rahmenplan und konkrete Anregungen dazu gesprochen wurde. Kurzweilige drei Stunden mit vielen spannenden Ideen und Informationen brachten neue Energie in den Arbeitsprozess, der sich nach drei Jahren ehrenamtlicher Arbeit und schwindenden Mitgliedern aktuell als äußerst mühsam gestaltet.
Als drittes Element zur offenen Besprechung des Rahmenplans haben wir eine Mitmachen-Ausstellung auf dem Hoffest des Union Gewerbehofs am 9.9.2018 in Kooperation mit dem Tag des offenen Denkmals organisiert. Hier konnten viele Menschen über das Projekt informiert – das Interesse war groß – und ein Meinungsbild von ca. 60 Mitmachenden zum Rahmenplan erstellt werden.
Am 16. Mai 2019 hat die Neue Werk Union erneut zur Diskussion eingeladen, da es durch die Veröffentlichung des Konzepts Smart Rhino, viel Gesprächsbedarf gab. Gemeinsam wurden die Begriffe aus dem Konzeptpapier und dem Video diskutiert und beraten, was diese in der Praxis bedeuten würden.
Am letzten Juli Wochenende 2019 wurden im Rahmen einer wachsenden Ausstellung die Presseberichte, Ideenskizzen, Studienarbeiten, Rahmenplanungen, IGA-Planungen u.ä. zusammengetragen und übersichtlich aufgehangen, um einen Rückblick auf die letzten Jahre zu bekommen. Abgerundet wurde die Vernissage mit der Sichtung des aktuellen Drohnenfluges über das Areal, das von Abriss geprägt ist.
Im August 2019 ist der Aufruf über den Verteiler (aktuell 205 interessierte Menschen) gestartet, Studienarbeiten zum Thema HSP an die Neue Werk Union zu schicken. Ziel ist es, 2020 aus den vielen Ideen der Menschen, die uns bislang erreicht haben, eine Anregung aus Sicht der Neuen Werk Union zu entwickeln, die öffentlich mit Eigentümergesellschaft, Verwaltung und Politik beraten werden soll. Trotz rein ehrenamtlicher Arbeit mit einem immer kleiner werdenden Team und dem Ratschlag der Verwaltung dies nicht zu tun, trauen wir uns diese Arbeit zu und finden es wichtig, einen offenen Prozess um die Entwicklung des ehem. HSP-Areals zu führen.
Mitte April 2020 wurde die Machbarkeitsstudie im Rahmen der Drucksache 17172-20 zur politischen Beratung veröffentlicht. Nach der Erarbeitung durch die Thelen Gruppe und der Beteiligung verschiedener städtischer Fachämter, kann sich nun auch die Neue Werk Union eine Meinung bilden. Die Bezirksvertretung Innenstadt-West am 29.4.20 war das erste Gremium, das sich mit der Machbarkeitsstudie befasst hat (leider wegen Corona in personell abgespeckter Form). Trotz erschwerter Beratung, da die Machbarkeitsstudie „aus Kostengründen und Gründen der Lesbarkeit“ erst eine Woche vor Sitzung online und in der Sitzung ausgedruckt abrufbar war, wurden Fragen an die Ausschüsse des Rates der Stadt Dortmund formuliert. Die Grünen haben diese Fragen um eine weitere Anfrage ergänzt, die die Verwaltung voraussichtlich ab September 2020 beantworten wird.
Am 8.6.20 hat der Rat der Stadt Dortmund folgenden Bescglussvorschlag zugestimmt: „Der Rat der Stadt nimmt die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie zum Zukunftsprojekt „Smart Rhino“ im Stadtbezirk Innenstadt-West zur Kenntnis und stimmt der unter Punkt 7 beschriebenen weiteren Vorgehensweise zu. Er bekräftigt seine Absicht, diesen Standort zusammen mit dem Land NRW und den Projektbeteiligten (Thelen Gruppe, Stadt Dortmund, Fachhochschule (FH) Dortmund, Industrie und Handelskammer (IHK) zu Dortmund) zu einem Zukunftsstandort zu entwickeln. Die Verwaltung wird beauftragt: das Zukunftsprojekt „Smart Rhino“ mit den Projektbeteiligten weiter zu konkretisieren, den städtebaulichen Realisierungswettbewerb der Thelen Gruppe zu begleiten, die für das Projekt erforderlichen Partizipationsprozesse einzuleiten, die Ergebnisse dazu und die beabsichtigte weitere Vorgehensweise dem Rat der Stadt Dortmund vorzulegen.“
Ab September 2020 soll nun endlich auch durch die Stadt Dortmund die Öffentlichkeit am Projekt beteiligt werden. Unter dem genannten Punkt 7 heißt es dazu: „Ab Herbst 2020 soll ein städtebaulicher Realisierungswettbewerb vorbereitet und in 2021 durchgeführt werden. Zuvor soll die Öffentlichkeit in die weitere Konkretisierung eingebunden werden. Nur mit einer frühen Einbindung der Stadtgesellschaft in den Prozess erfährt „Smart Rhino“ Akzeptanz in der Stadtgesellschaft. Hilfreich werden dabei neben den formellen Beteiligungsverfahren neue Formate der Mitwirkung sein wie z.B. Informationsplattformen, Mitmachaktionen, Innovationslabore, etc..“ Die Neue Werk Union freut sich auf diesen Prozess, würde jedoch bitten, das Wort „früh“ zu streichen 😉
Im Herbst 2021 hat die Arbeitsgruppe ihre Aktivitäten eingestellt, da es keinen Fortschritt in der Zusammenarbeit im Trailog zwischen Eigentümer, Stadt und Zivilggesellschaft gab.
Im Sommer 2024 reaktivierte die Gruppe ihre Arbeit, da denkmawürdige Gebäude ohne Vorankündigung im Gegensatz zur im stadtrat vereinbarten Entwicklung abgerissen wurden. Durch eine Pressemitteilung hat sie am 22.5.24 auf diesen Zustand die Stadtgesellschaft hingewiesen und hofft, dass es nochzu einer positiven Entwicklung für die Nachbarschaft kommt.Die RuhrNachrichten und NordstadtBlogger haben dazu berichtet.
Kunst und Stadtentwicklung
Die Verbindung von Kunst und Stadtplanung ist ein spannendes Feld. Kunst kann besondere Themen aufgreifen und vermittelnd tätig sein. Kunst kann Augen öffnen und Gespräche initiieren, die sonst nicht stattgefunden hätten. Stadtplanung ist auch immer eine emotionale Angelegenheit und eine Frage von Authentizität. Insbesondere wenn es um die Schließung und den Abriss von Industrieanlagen im Ruhrgebiet geht. Identität und Lebenswerke werden hier in nur kurzer Zeit verändert. Deswegen ist Bürgerbeteiligung und die Frage nach Besonderheiten vor Ort enorm wichtig, um die Menschen mitzunehmen und Akzeptanz für die Neuplanungen zu schaffen.
Im Rahmen des Prozesses der Neuen Werk Union gab es verschiedene künstlerische Ansätze, sich mit dem industriell genutzten Ort und seinem Entwicklungsprozess auseinanderzusetzen:
Die Fotografin Sabrina Richmann zeigt in ihrer fotografischen Exkursion in die Arbeitswelten des Dortmunder Unionviertels, die sie im Rahmen der Westpassage 2016 unter dem Titel „Am Ende bleibt es Arbeit“ veröffentlicht hat, was passiert, wenn sich ein ehemaliges, über sehr viele Jahrzehnte industriell geprägtes Quartier, kreativwirtschaftlich entwickelt und Kunst und Kultur Teil der Strategie sind, den Wandel aktiv zu begleiten.
Der Fotograf Eisenhart Keimeyer gibt den Menschen in seiner Veröffentlichung „Den Betrieb einstellen?“ von 2016 die Möglichkeit, das verborgene und nicht zugängliche Areal der ehemaligen Werk Union zu umrunden und Einblicke in das Areal zu erhalten. Seine Fotografien zeigen besondere Blickwinkel und man hat das Gefühl, beim Umblättern, echte Schritte um das Gebiet zu machen.
In einem weiteren Projekt 2016 bespielt Eisenhart Keimeyer den Tunnel an der Huckarder Straße. Unter dem Titel „Übermalungen Unionviertel“ greift er das Thema Tags und Graffitis, als verlangen der Menschen, ihr Lebensumfeld zu gestalten, auf und inszeniert dadurch eine Auseinandersetzung mit dem Ort.
Die Künstler_innen Eu Sun Ko, Hyun Kann und Shinah Lee haben in einer Arbeit dem Spruch „Es lobt den Mann die Arbeit und die Tat“ auf dem ehemaligen und stadtbildprägenden Verwaltungsgebäude auseinandergesetzt. Durch ein Wackelbild wird aus dem „Mann“ die „Frau“ und dadurch die männerdominierte Arbeit auf dem ehemaligen Walzwerk thematisiert. Dieser Spruch ist auch Teil eines mehrjährigen Kalenders, den die Designerin Danuta Drwecki mit den Urbanisten gestaltet hat. Sie nimmt darin Fotos von Sabrina Richmann auf, die ehemalige Stahlarbeiter zeigen. Der Kalender soll ein Symbol für die Menschen sein, die das Areal in den letzten Jahrzehnten geprägt haben und die nun nicht vergesse werden sollen.
Die bildende Künstlerin Babette Martini untersuche in ihrer Arbeit „Spurensicherung Arbeitsstätten“ 2016 per Frottage-Technik die Arbeistkleidung ehemaliger HSP-Mitarbeiter. Die Menschen im Viertel hat Fotograf Daniel Sadrowski in seiner Arbeit „Status Quo“ 2016 dokumentiert. Eine Collage des Sounds des Viertels und was die Menschen unter Heimat verstehen hat Künstlerin Silvia Liebig erstellt. Den Bäumen im Viertel auf der Spur war Fotograf Gerhard Kurtz.
Durch eine Kooperation mit dem Dortmunder Theaterfestival FAVORITEN mit Förderung durch die Kreativ.Quartiere Ruhr konnten vier Residenzen im Sommer 2018 stattfinden. Sie erforschen unter dem Titel Work at Werk Union welche überhörten Geschichten, utopischen Realitäten und Zukünfte sich hinter dem satten Grün finden oder erfinden lassen.
Working Class Daughters: Als erste Gruppe bezogen Kristina Dreit, Karolina Dreit und Anna Tzpis im Juni Stellung auf dem Areal und wollen die Stimmen der ehemaligen Arbeiterinnen hörbar machen: Was haben die Mütter, Großmütter und Tanten bei der industriellen Arbeit erlebt und wie haben sich diese Erlebnisse in die Familiengeschichte übertragen? „Für Brot und Rosen“ – lautete 1911 die Parole streikender Arbeiterinnen in New York. Es war der Ruf für gemeinsame Forderungen und Solidarität in den feministischen Arbeitskämpfen. Welche Rückkopplungen hat es bei den Arbeiterinnen in Dortmund gegeben? Und welche Arbeitsabläufe wurden in die Körper eingeschrieben?
Terra Incognita: Einen Ausblick auf die Hoffnungen hinter dem Grün wagen Negar Foroughanfar, Dorothee Haller, Christian Behrens und Moritz Kotzerke. Das vierköpfige Team aus dem Heterotopia-Studiengang der Folkwang Universität Essen erklärt das Gelände der Werk Union kurzerhand zum Kap der guten Hoffnung und entwirft eine mobile Versammlungs- und Ausguckstation für zu gewinnende und verloren gegangene Hoffnungen. Sie fragen, inwiefern die in die Künstler*innen gesetzte Hoffnung in Stadtplanungsprozessen überhaupt sinnvoll oder stattdessen immer schon zum Scheitern verurteilt ist. Die Hoffnungsvorkommen des Geländes tragen die Vier in einer Lost- & Found-Station zusammen, ihr gezimmerter Ausguck dient ihnen als Ankerpunkt, Werkzeugkiste und Bühne für öffentliche Momente.
Den Boden frei lassen: Die beiden Tänzer und Choreographen David Guy Kono und Antoine Effroy begreifen den jetzigen Zustand des Geländes als eine Zwischenzeit: Zwischen vergangener Stahlindustrie und zukünftiger Siedlung steht der Boden auf diesem Gelände frei. Was wäre, fragen sie aus einer postkolonialen Perspektive, wenn wir den biblischen Befehl „Mach dir die Erde untertan“ ablehnten? Was wäre, wenn wir den Boden frei ließen und die westliche Ausbeutung des Bodens aufgäben – ihn nicht ausbeuten, ver/kaufen oder ihm Ressourcen entnehmen – und stattdessen jenen Boden als kamerunisches Dorf dächten? Welches Land, welches Leben wäre da in Sicht? Dies wollen die Zwei im Dialog mit den Anwohner*innen herausfinden und kommen mit Neugier und eigenen Erfahrungen in der Nachbarschaft vorbei.
Rosa Wolken: Wenn sich im Sommer auf der Rheinischen Straße zum Grün der Baumkronen rosa Wolken gesellen, kann das nur eine transzendente Aktion von Vesela Stanoeva und Christian Bröer sein, die die Bäume in ihrer mythischen Erhabenheit feiern und unsere Vorstellungskraft beflügeln – luftiger als jedes Nashorn das je könnte. Spätestens dann gerät der weiße Fleck auf der Landkarte für einige Sekunden in Vergessenheit, denn sattes Rosa umwölkt uns.





















