Getting Real – Urbane Reallabore als Gemeinschaftsaufgabe

Annette Bathen, Jan Bunse (2020). Getting real. Urbane Reallabore als Gemeinschaftsaufgabe.

Während Reallaboren im wissenschaftlichen Diskurs eine Vielzahl an Definitionen und Charakteristika zugeschrieben werden, sind Überlegungen, Untersuchungen und Diskussionen über reale Bedingungen in Reallaboren bisher nur schwer zu finden. Dieser Beitrag erhebt nicht den Anspruch, diese Lücke zu schließen, sondern bietet Impulse für einen verbesserten wissenschaftspraktischen Umgang mit Akteur:innen, Prozessen und Räumen in Realexperimenten. Die Heterogenität der beteiligten Akteur:innen bietet neben der Gefahr von Interessen- oder Zielkonflikten auch die Möglichkeit, durch gegenseitiges Vertrauen, Perspektivwechsel und klare Kommunikation gemeinsam verwertbares Handlungswissen zu generieren sowie eine tatsächliche Nähe zwischen und Identität von Praxis- und Forschungspartner:innen zu erreichen. Eine stärkere Achtung menschlicher Beziehungen, von Rollenverständnisse und sozialen wie kooperativen Lernprozessen kann zudem zu einer Verstetigung und Nachhaltigkeit der angestrebten Entwicklungen beitragen. Auch die Perspektive auf Räume und Reallabororte als Treffpunkt, Verhandlungsort, Gebietskulisse und Wirkungsraum bietet Chancen für eine wissenschaftliche und umsetzungsorientierte Weiterentwicklung der Reallaborpraxis.

 

1 Erfahrungen aus realen Laboren

Mit den derzeitigen Entwicklungen um transformative Forschung bemüht sich die Wissenschaft um einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung. Reallabore sollen Transformationsprozesse ermöglichen, durch Wissen Handeln generieren, an konkreten geografischen Orten beheimatet sein, einen Beitrag zur Nachhaltigkeitstransformation leisten, Praxisakteur:innen und Wissenschaft auf Augenhöhe kooperieren lassen und langfristige und übertragbare Lösungen hervorbringen. In den letzten Jahren sind hierzu viele Anforderungslisten entstanden (Schneidewind 2014; Parodi/Beecroft/Albiez et al. 2016; Schäpke/Stelzer/Bergmann et al. 2017; Pregernig et al. 2018; Wagner/Grunwald 2019). Vor dem Hintergrund, dass die Frage nach der guten wissenschaftlichen Praxis bei Forschenden eine bedeutende Rolle spielt und die Suche nach geeigneten wissenschaftlichen Methoden nie endet, überrascht das nicht. Zudem ist Grundlagenforschung für die jungen transdisziplinären und transformativen Formate unabdingbar.

In der Wissenschaft hat sich der Reallabordiskurs in der Regel um die Frage gedreht, wie Wissenschaftler:innen ihre Umwelt so erforschen können, dass sie zu gesicherten und evidenten Erkenntnissen gelangen, nicht aber wie die Forschenden in ihrer Umwelt und mit den dort lebenden Menschen unter realen Bedingungen gemeinsam Erkenntnisse erlangen können. Diesen realen Bedingungen, unter denen die transformativ Forschenden arbeiten, wird im Reallabordiskurs bisher eine geringe Bedeutung zugemessen. Reale Räume, reale Akteur:innen und reale Prozesse in Reallaboren werden kaum tiefgehend behandelt. Das gilt auch für die Doppelrolle, die die Forschenden außerhalb ihrer gewohnten Umgebung einnehmen, ebenso wie die Perspektive der Praxisakteur:innen, die in der konventionellen Forschung beforscht wurden und nun Teil des wissenschaftlichen Systems sind oder werden. Auch der WBGU thematisiert die strukturellen Herausforderungen Inter- und Transdisziplinarität, Partizipation, Lösungsorientiertheit, jedoch werden auch dort die Anforderungen an transformative Forschung betont, während die realen Umsetzungsmöglichkeiten dieser Ansprüche vernachlässigt wird (WBGU 2016: 465-468). Selbstredend sind Definitionen und Diskussionen um geeignete Methoden, Modelle von Forschungsprozessen und Überlegungen zu Langfristig- und Übertragbarkeit wichtig. Ebenso wichtig sind für die raum- und handlungsbezogene Wissenschaft in Reallaboren aber Diskussionen, Hilfestellungen und gesicherte Erkenntnisse zu den realen Bedingungen, in die sich die Forschenden begeben, wenn sie ihren Schreibtisch verlassen.

Im Rahmen unserer wissenschaftlichen und praktischen Projektarbeit für die Urbanisten finden auch wir uns immer wieder im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Praxis wieder. Die Urbanisten sind Impulsgeber:innen, Projektmanager:innen und Beteiligungsplattform für die aktive Mitgestaltung der eigenen Stadt. Stadtforschung- und Entwicklung sollte dazu beitragen, gute Praxis in andere Kontexte zu übertragen und erfolgreiche Projekte aus anderen Städten lokal zu adaptieren. Wir sehen die Forschung dabei in einer dienenden Rolle, die lokale Akteur:innen mit Wissen, Netzwerken und Werkzeugen effektiv unterstützen kann. Wir sind als Initiator:innen, Forscher:innen und Umsetzungspartner:innen an mehreren Reallaborprozessen beteiligt: UrbaneProduktion.Ruhr, gefördert im Rahmen der Fördermaßnahme„Nachhaltige Transformation urbaner Räume“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (UrbaneProduktion.ruhr), LUZI-Labor für urbane Zukunftsfragen gefördert im Rahmen des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (Luzi.ruhr) und ProGIreg – Produktive Grüne Infrastruktur für die post-industrielle Stadterneuerung im HORIZON 2020-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation der Europäischen Kommission (HansaGruen.de).

Dieser Artikel legt den Fokus auf die realen Bedingungen. Hier gehen wir zunächst auf die Herausforderungen und Schwierigkeiten ein, die auftauchen können, wenn Menschen unterschiedlicher Disziplinen, Berufe und sozialer Hintergründe sich annähern, zusammenarbeiten und kooperativ Ergebnisse erzielen möchten. Mögliche Lösungsansätze und Strategien werden angerissen, erheben jedoch aufgrund der Vielzahl an individuellen Besonderheiten und der Komplexität in Reallaboren keineswegs einen Anspruch auf Vollständigkeit. Ziel dieses Beitrags ist es, dafür zu sensibilisieren, dass Forscher:innen, die zusammen mit anderen Menschen Ergebnisse erzielen wollen, bisweilen die Metaebene verlassen und sich inner- und außerhalb ihrer Reallabore tiefergehend mit realen Akteur:innen, Prozessen und Räumen und damit den realweltlichen Rahmenbedingungen befassen müssen.

 

2 Akteur:innen, Prozesse, Räume

 

2.1 Akteur:innen: Anspruchshaltung und reale Heterogenität

Im Reallabor sollen Menschen zusammenkommen, die sich in ihren Alltagskontexten vermutlich nicht begegnen. Reallabore möchten von dieser Zusammensetzung der Akteur:innen profitieren und gemeinsam Wissen für eine Transformation hervorbringen, das weder allein durch Forschung in wissenschaftlichen Einrichtungen noch durch praktische Projekten generiert werden könnte. Die Heterogenität der Reallaborakteur:innen lässt sich aber nicht allein durch die Unterscheidung von Forschungs- und Praxispartner:inen vornehmen. Auch innerhalb der wissenschaftlichen Akteur:innen wird Multidisziplinarität beziehungsweise ein breites am Forschungsprozess beteiligtes disziplinäres Spektrum angestrebt (Schneidewind 2014: 3). Neben den Wissenschaftler:innen sollen vielfältige praktische Akteur:innen partizipieren: Engagierte Bürger:innen, studentische Initiativen, kommunale Ämter und Entscheidungsträger:innen, Einzelunternehmen und größere Betriebe, Kinder und Jugendliche. Um all diese beteiligten Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Zielvorstellungen, Erfahrungswerten, Herangehensweisen und Rollen zusammenzubringen und beisammenzuhalten, müssen Reallabore und vor allem Initiator:innen als verantwortliche Personen viel leisten. Gegenseitiges Vertrauen, Menschlichkeit, eine gemeinsame Kultur und die Akzeptanz von Doppelrollen werden hier nur als Beispiele für die vielfältigen Herausforderungen genannt, die mit den Partizipations- und Interdisziplinaritätsansprüchen einhergehen.

2.1.1 Bedürfnisse von Praxisakteur:innen

Reallabore sind bisher hauptsächlich von der Wissenschaft und aus Forschungseinrichtungen heraus initiiert worden, nur selten von Praxisakteur:innen (Wagner/Grunwald 2019: 261; Wagner/Grundwald 2015: 29; Transition Research Network). Wagner und Grundwald (2015) weisen auf die dadurch eingeschränkte Vielfältigkeit von Reallaborprojekten (Wagner/Grundwald 2015: 29). Demgegenüber steht die Theorie, in der auch die breite Gesellschaft als „Initiatior von Experimenten verstanden wird und nicht nur als auf das Experiment reagierenden oder sich anpassenden Objektes“ (Groß 2014: 79). Das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst benannte 2013 zwar auch die zivilgesellschaftlichen Partner als Anker und Initiator:innen, betont aber gleichzeitig in erster Linie die Kompetenz der Wissenschaft (Wagner/Grunwald 2015: 29). Die Aktionsforscher Greenwood und Levin beklagen bisweilen eine Unterschätzung des Wissens, dass gesellschaftliche Akteur:innen in Forschungsprozesse einbringen und kritisieren das systematische Misstrauen in die Beteilgten und die Kooptierung ihres Wissens durch die Wissenschaftler*innen (Greenwood/Levin 2007: 51). Die ungleiche Rolle in der Initiierungs- und Konzeptionierungsphase löst in vielen Fällen Frustration bei den Praxisakteur:innen aus, zumindest wenn die Forschenden nicht auf eine frühzeitige und verständnisvolle Kommunikation achten und ein Gleichgewicht zwischen ihren selbst gestecken Zielen und denen der Praxisgruppe finden (Transition Research Network). Schneidewind plädiert daher für eine Begegnung auf Augenhöhe und die Gleichbehandlung der Interessen aus Wissenschaft und Praxis, um dem Gefühl der Beforschung bei Praxisakteur:innen entgegenzuwirken (Schneidewind 2014: 4).

Praktische Projekte wie die Transition Town Initiativen haben laut einer Untersuchung des Transition Research Networks in der Regel keine intrinsische Motivation oder ein Bedürfnis, an Forschungsprojekten mitzuwirken, wenngleich positive Nebeneffekte, wie zeitliche Ressourcen der Forschenden, Impulse, neue Beziehungen und die Möglichkeit der objektiven Reflektion durch Außenstehende geschätzt werden (Webseite Transition Research Network). Bedenken gegenüber Forschungsprojekten beziehen sich häufig auf den notwendigen Aufwand von Zeit und Energie. Auch an den schriftlichen wissenschaftlichen Ergebnissen gibt es gewöhnlich kein großes Interesse, vielmehr gewünscht sind aber offene Gespräche über Dynamiken und Prozesse innerhalb der Praxisprojekte (Webseite Transition Research Network). Zivilgesellschaftliche Akteur:innen, die sich an Reallaboren beteiligen, sind in der Regel berufstätig und im Rahmen ihrer Freizeit oder ehrenamtlich tätig. Diese Erfahrung erfordert, dass die Forschenden auch in den Abendstunden und am Wochenende an den Aktivitäten des Reallabors teilnehmen, um Zusammenarbeit und gemeinsamen Erkenntnisgewinn überhaupt zu ermöglichen. Auch Selbstständige und Unternehmen ebenso wie Institutionen und Bildungseinrichtungen verfügen häufig nur über sehr geringe zeitliche Ressourcen. Die Hemmschwelle, diese Ressourcen für fremdgesteuerte Projekte aufzuwenden, ist erfahrungsgemäß sehr groß.

Die Zurückhaltung von Praxisakteur:innen gegenüber Forschungsprojekten liegt zudem darin begründet, dass sich die Debatten um Reallabore und transformative Forschung weitestgehend im wissenschaftlichen System wiederfinden (Wagner/Grundwald 2019: 261), dessen Paradigmen und Eigenlogiken von den Praxisakteur:innen widerum selten hinterfragt werden: „I … could not, when examining the membership of a scientific community, retrieve enough shared rules to account for the group’s unproblematic conduct of research. Shared examples of successful practice could, I next concluded, provide what the group lacked in rules. Those examples were its paradigms, and as such essential to its continued research“ (Kuhn 1977: 318-319). Herausforderungen und Gewinne für Praxisakteur:innen und „die Frage nach verwertbarem Transformationswissen oder nach realer transformativer Wirkung“ (Wagner/Grundwald 2019: 261) wird jedoch weit weniger thematisiert. Zudem werden für die transformative Forschung häufig neue Projekte ins Leben gerufen, während „bereits existierende Transformationansätze und Realexperimente von ‚Pionieren des Wandels‘“ (Wagner/Grundwald 2019: 261) kaum aufgegriffen werden. Um dieser Entwicklung entegegenzuwirken fordern Wagner und Grunwald einen „größeren Handlungsspielraum und Förderangebote für Praxispartner“ (Wagner/Grunwald 2015: 29).

2.1.2 Die Doppelrolle der Forschenden

Wissenschaftler:innen finden sich in Reallaboren häufig „zwischen passiver Begleitforschung und aktiver Intervention“ (Wagner/Grunwald 2015: 29) wieder. Diese Situation verlangt nacht Antworten auf die Frage, wie Forschende in Reallaboren mit dem doppelten Anspruch von Wissenschaft und Praxis umgehen können. Mit einer ähnlichen Frage beschäftigt sich derzeit die Planungswissenschaft, die neue Formen der gemeinschaftlichen Planung für räumliche und soziale Veränderungsprozesse anstrebt (Lamker/Levin-Keitel 2019: 107). Teile der Planungswissenschaft sehen Schnittstellen zur Transformationsforschung und verstehen Planung als Teil eines großen gesellschaftlichen Wandels, der mit einer „größeren Diversität von Akteuren“ (Lamker/Levin-Keitel 2019: 107) in Planungsprozessen mitgestaltet werden kann. Diese Planung geht über die etablierten Planungsprozesse, -akteur:innen und die Grenzen der öffentlichen Verwaltung hinaus und verlangt von den Planenden die Veränderung ihres Rollenverständnisses und ihres Selbstbildes (Lamker/Levin-Keitel 2019: 107). Da Forscher:innen in Reallaborprozessen mit ihrem Anspruch auf Einbindung der Zivilgesellschaft, koproduktiver Generierung von Handlungswissen und Transferierbarkeit ähnliche Ziele verfolgen, liegt es nahe, Überlegungen anzustreben, die das Rollenverständnis und Selbstbild der Wissenschaftler:innen überdenken. Dazu gehört ebenso wie Lamker und Levin-Keitel es für die Planung konstatieren, Rollenverständnisse stärker in den Fokus zu rücken, um Prozesse, Interaktionen und Dynamiken in Reallaboren besser verstehen zu können und die sich wandelnden Strukturen, Normen und Werte zu erfassen (Lamker/Levin-Keitel 2019: 110). Zudem könnten die Forschenden die Verbindungen und Beziehungen zwischen sich selbst und den beteiligten Praxisakteur:innen mehr in den Fokus ihrer Erkenntnisgewinnung legen, um so auch das eigene Handeln zu hinterfragen und zu optimieren, um tatsächlich Teil des angestrebten Wandels zu sein.

2.1.3 Eine Kultur der Differenz

Eine Eigenschaft von Reallaboren, die gelegentlich unterschätzt wird, ist das Vorhandensein unterschiedlicher Weltanschauungen. Die Menschen, die an der Antragstellung, Konzeption und Umsetzung eines Reallabors beteiligt sind, und auch diejenigen, die im Projektverlauf angesprochen, informiert und beteiligt werden, besitzen oft sehr unterschiedliche Vorprägungen, Einstellungen und Überzeugungen. Die beteiligten Menschen werden auch, aber nicht nur durch die bloße Zugehörigkeit zu einer wissenschaftlichen, marktwirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Institution sozialisiert. Auch innerhalb dieser Zuordnung können Unterschiede auftreten, die den Projektverlauf wesentlich beeinflussende: das allgemeine Verständnis eines guten Lebens, der Grad der Affinität zu digitalen Technologien, Haltungen zum Feminismus, Methoden der Arbeitsorganisation, Umgang mit Kritik, sogar Lieblingsfarben. All diese Themen können Potentiale für positive Gruppendynamiken bilden, zugleich können sie sich aber auch zu wiederkehrenden Reibungen entwickeln, die den Projektfortschritt verlangsamen oder zum Stillstand bringen können.

„Wer kooperiert, überschreitet Grenzen. Jede Kooperation berührt nicht nur die Interessen, sondern auch die Identitäten der Kooperationspartner. Ist eine solche Grenzüberschreitung nicht willkommen, ja wird sie als bedrohlich empfunden, schrecken die Beteiligten vor einer Zusammenarbeit zurück.“ (Davy 2004: 143).

Nach Benjamin Davy, der sich auf Mary Douglas‘ kulturanthropologische Theorie der Polyrationalität (1978) bezieht, verteten die Beteiligten eines Kooperationsvorhabens bewusst oder unbewusst verschiedene Rationalitätstypen, die sich auch als „Weltbilder, Mythen, Kulturen, Identitäten, Eigensinn“ beschreiben lassen. „Dabei bedeutet Eigensinn nicht Starrköpfigkeit, sondern jenes Wirken subjektiver Identitäten, bei dem aus den tiefen Überzeugungen einer Person einzelne Interessen und Präferenzen gebildet werden“ (Davy 2004: 143). Nach Mary Douglas erklärt sich soziales Verhalten aus dem Zusammenspiel von vier Rationalitätstypen: „Die Rationalität der Hierarchie hebt Ordnung und Kontrolle hervor. Die Rationalität der Gemeinschaft unterstreicht Gruppenbildung und Solidarität. Die Rationalität des Individualismus betont Eigenverantwortlichkeit und Wettbewerb. Die Rationalität des Fatalismus zeichnet sich durch Gelassenheit oder Gleichgültigkeit aus. […] Keiner der vier Rationalitätstypen macht die anderen Rationalitätstypen entbehrlich“ (Davy 2004: 143).

Davy erklärt auch, dass und wie der Eigensinn der Beteiligten zum wechselseitigen Vorteil reichen kann: „Jeder Versuch, den Eigensinn zugunsten eines ‚objektive‘ Kooperationsvorteils zurückzudrängen, stößt auf Gegenwehr. Eigensinn ist aber nicht nur ein Hindernis für Kooperation, er kann auch zugunsten eines Kooperationsvorhabens genutzt werden. […] Die Rationalität des Kooperationsvorhabens darf den Beteiligten nicht einfach aufgedrängt werden, sie muss auf die Rationalitäten der Beteiligten antworten“ (Davy 2004: 143). Eine solche responsive Kooperation wird durch eine Kultur der Differenz ermöglicht, in der eine Konkurrenz der Ideale gepflegt wird: „Da die meisten Menschen ihre Wirklichkeit – bewusst oder unbewusst – monorational organisieren, fällt es ihnen schwer, andere Rationalitätstypen zu nutzen. Es ist schon schwierig, andere Rationalitäten zu tolerieren. In einer Konkurrenz der Ideale werden die hierarchische, egalitäte, individualistische, fatalistische Rationalität aber nicht bloß geduldet, sondern aktiv genutzt“ (Davy 2004: 166; Brezina/Bunse/Schulze Diekhoff et al. 2008).

Kann in Kooperationsvorhaben, in denen es scheinbar keine einheitliche Arbeits-, Organisations- und Verhandlungskultur gibt, ein verwertbares Ergebnis entstehen? „Die Ergebnisse einer Konkurrenz der Ideale sind brauchbare Entwürfe, die zumindest zwei Bedingungen erfüllen müssen. Erstens müssen diese Entwürfe so viele Merkmale jeder der vier Rationalitäten aufweisen, dass sie Beteiligte mit verschiedenartigen Rationalitäten begeistern. Zweitens sind Entwürfe brauchbar, wenn sie nicht durch eine Rationalität […] dominiert werden, ansonsten provozieren sie Betroffene mit anderen Rationalitäten zum Widerstand“ (Davy 2004: 166). Wir verstehen unsere Rolle in Reallaborprojekten häufig darin, diese für uns so wichtigen Grundbedingungen einer fairen Kooperation zu implementieren. Es geht also in jedem Reallabor auch darum, Vertrauen in das Ungewisse zu schaffen, wiederkehrende Beziehungen aufzubauen und das Verständnis für die Sichtweisen der Anderen zu stärken. Um das zu erreichen, können sich Wissenschaftler:innen auch an der Aktionsforschung nach Greenwood und Levin (2007) orientieren, die „iterativ, empirisch und reflexiv“ (Parodi/Beecroft/Albiez et al. 2016: 9) mit Beteiligten an der Lösung eines bestimmten Problems arbeitet. Die partizipativ und kooperativ ausgerichtete Forschung unter Beteiligung von Wissenschaft und Praxis bedient sich in erster Linie der „Alltagssprache“ (Parodi/Beecroft/Albiez et al.: 9), um den wissenschaftlichen Prozess für alle Beteiligten verständlich und zugänglich zu machen.

Auch das Transition Resaerch Network misst der Kommunikation bei Kooperationsprojekten zwischen Forschung und Praxis eine große Bedeutung zu: „Factors resulting in difficult experiences included poor communication and lack of clarity regarding expectations, researcher agendas that were perceived to clash with the needs of transition groups, research being conducted secretly, problematic representation of local transition projects, and overly instrumental approaches“ (Transition Research Network). Transparenz und klare Kommunikation über Bedürfnisse, Erwartungen und Methoden sind also essenziell für eine gelungene Kooperation, auch in Reallaboren. Dazu gehört laut Parodi/Beecroft/Albiez et al., dass Zielkonflikte frühzeitig erkannt und diskutiert werden, um Konsens zu schaffen und diesen auch beizubehalten (2016: 18). Neben den unterschiedlichen Rollen und Selbstbildern der Beteiligten kann auch die Multidimensionalität und Vielschichtigkeit der Transformationsziele zu Konflikten führen, die es zu identifizieren gilt. „Ein offener, transparenter Umgang mit Konflikten und der Dialog mit allen beteiligten Akteur:innen erscheinen sinnvoll, eine gänzliche Auflösung von Zielkonflikten darf indes nicht erwartet werden“ (Parodi/Beecroft/Albiez et al.: 18).

 

2.2 Prozesse: Zwischenmenschlichkeit, Lernen und Machen

„Reallabore sind gesellschaftliche Arrangements, bestehend aus den Wechselwirkungen der darin agierenden Menschen, ihren spezifischen Umwelten sowie sozialen und institutionellen Verflechtungen.“ (Wagner/Grunwald 2015: 26)

Definitionen von Reallaboren scheuen nicht, die charakteristischen und notwendigen Prozesse von und in Reallaboren zu benennen: Co-Design und Co-Produktion des Forschungsprozesses mit Zivilgesellschaft und Praxisakteur:innen, die langfristige Begleitung und Anlage des Forschungsdesigns, die kontinuierliche methodische Reflexion des Vorgehens sowie bereits vorhandene Erfahrung in transdisziplinären Prozessen, eine prozessbegleitende Forschung, die Erfassung relevanter Kontextfaktoren, die Dokumentation der Prozesse und die zeitnahe Rückkopplung von veränderten Entwicklungen und gesellschaftliche Lernprozessen (Schneidewind 2014: 3; Parodi/Beecroft/Albiez et al. 2016). In der Realität lassen sich diese Prozesse häufig nicht scharf voneinander trennen. Dennoch versuchen wir, die uns für den Erfolg eines Projektes und die Generierung von übertragbarem Wissen notwendig erscheinenden Prozesse im Folgenden anzureißen und auf Herausforderungen hinzuweisen, die den Forschendenden wie Praxispartner:innen in Reallaboren häufig begegnen.

2.2.1 Vernachlässigung von einzelnen Zielen als Chance?

Die unterschiedlichen persönlichen und beruflichen Hintergründe und Interessen der beteiligten Menschen, die Orientierung am gemeinsamen obersten Ziel der Transformation und dem Wunsch diese gemeinsam zu gestalten und zu entwickeln, macht Verhandlungen notwendig. Im politischen und wirtschaftlichen Raum beziehen sich Verhandlungen auf strittige Güter (Pfetsch 2006: 16). In der Wirtschaft geht es dabei häufig um Interessenskonflikte, während es im politischen System um Wertekonflikte geht, bei denen sich Verhandlungen und Konsensfindung deutlich schwieriger gestalten. In beiden Fällen sind Verhandlungen eine Form des „Ausgleichs von Interessen“ (Pfetsch 2006: 17) und dann abgeschlossen, wenn das Ergebnis und die Behandlung der strittigen Güter von allen beteiligten Parteien mitgetragen werden. Strittige Aspekte in Reallaboren reichen von unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie die bespielten Räume aussehen sollen über die Wahl der Kommunikationsmittel bis hin zur Frage wer wie viel Verantwortung trägt und welche Personen Entscheidungen treffen. Vor allem wenn subjektive Gefühlslagen, wie besondere Erinnerungen an den Reallaborort, persönliche Interessen am Reallaborumfeld und zwischenmenschliche Beziehungen aufkommen, können Diskussionen und Aushandlungsprozesse langwierig und kräftezehrend sein. Hinzu kommen die Forschungsziele der Wissenschaftler:innen, die unter dem Druck stehen ihrer Institution und mitunter dem Fördergeber Ergebnisse zu liefern.

So wichtig es ist, Diskussionen über Probleme sowie Lösungswege in Reallaboren anzustoßen, um Veränderungen und Handlungswissen hervorbringen zu können, sprechen wir uns dafür aus, dass Initiator:innen von Reallaboren mitunter mehr Gelassenheit hinsichtlich vom Kernziel abweichenden Handlungen mitbringen sollten. Dabei geht es nicht darum, die Ziele aus den Augen zu verlieren, sondern sie zugunsten der Beteiligung von vielfältigen Akteur:innen, Niederschwelligkeit, Zugänglichkeit und Vertrauen vor allem in der ersten Zeit des Reallaborprojektes hintenanzustellen.

Ziel eines solchen Vorgehens ist es, Menschen zusammenzubringen, gegenseitiges Interesse für Belange zu entwickeln, mehr über das Wissen und die mitgebrachten Erfahrungen von Einzelnen zu erfahren, für Forschung zu sensibilisieren, den zu gestaltenden Raum kennenzulernen und die unterschiedlichen Mitwirkungsmöglichkeiten zu vermitteln. Während von den zu beteiligenden Personen dabei relativ wenig verlangt wird, da große Themen und Ansprüche vermieden werden, um Niederschwelligkeit und Zugänglichkeit zu erreichen sowie Kapitulationen und Rückzüge zu verhindern, erfordert dieser Ansatz von den Initiatior:innen eher viel, insbesondere wenn sie aus der Wissenschaft kommen. Sie müssen ihre Rolle als Forschende zurückstellen und den beteiligten Menschen die Möglichkeit geben, ihre Themen zu äußern, auch wenn diese nicht mit den eigentlichen Forschungszielen übereinstimmen. Aus den Erfahrungen der Realexperimente LutherLAB und WatCraft (Fußnote: Als Umsetzungsakteur:innen haben die Urbanisten gemeinsam mit dem Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule, der Hochschule Bochum und der Bochum Wirtschaftsentwicklung im Forschungsprojekt „UrbaneProduktion.Ruhr“ die beiden Realexperimente „LutherLAB“ und „WatCraft“ durchgeführt. Mehr zum Vorhaben unter www.urbaneproduktion.ruhr) hat sich gezeigt, dass dieses Vorgehen zudem die Chance auf Verstetigung der im Reallabor angestoßenen Prozesse erhöht. In den Bochumer Stadtteilen Langendreer-Alter Bahnhof und Wattenscheid haben sich noch während oder nach der Reallaborphase und auf Initiative beteiligter Menschen Vereine gegründet, um den jeweiligen Raum im Sinne einer nachhaltigen Transformation weiterzuentwickeln (Fußnote: Mehr zu den Aktivitäten der Vereine unter www.lutherlab. de und www.haus-wiesmann.de).

2.2.2 Lernen und Scheitern

Die Perspektive auf Reallabore als Organisation des mit- und voneinander Lernens kann für eine Rückbesinnung auf das Transformationsziel und die Generierung von Wissen, das für gesellschaftlichen, sozialen und technischen Wandel für eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit geeignet ist, hilfreich sein (Wagner/Grundwald 2019: 261). Die Verstetigung solcher Lernprozesse, die laut einer Literaturstudie und Befragung des Vernetzungsprojekts SynVer*Z – im Rahmen der BMBF Leitinitiative Zukunftsstadt sowie der Fördermaßnahme „Nachhaltige Transformation urbaner Räume” durchgeführt – zu den Kerncharakteristika und Erfolgsfaktoren von Reallaboren gehört, könnte eine größere Bedeutung zukommen, indem sich die Reallaborinitiator:innen und Beteiligten stärker mit sozialen Lernprozessen in Gruppen und Gesellschaften auseinandersetzen und didaktische Prinzipien aus der Lern- und Bildungsforschung diskutieren und anwenden. Auch Beecroft et al. konstatieren, dass Bildungsziele in Reallaboren im Gegensatz zum häufig diskutierten Wechselspiel zwischen Praxis- und Forschungszielen, in den theoretischen Abhandlungen zu Reallaboren bislang zu wenig beachtet wurden (Beecroft/Trenks/Rhodius et al. 2018: 82). Da individuelles wie gesellschaftliches Lernen für nachhaltige Transformationsprozesse jedoch unabdingbar sind, plädieren die Autoren dafür Bildungsziele „als Teil der Planung, Begleitung und Evaluation von transdisziplinären Projekten“ (Beecroft/Trenks/Rhodius et al. 2018: 82) zu integrieren.

Individuelle Bildungsziele der Beteiligten können Erlernen von Fähigkeiten und Erwerb von Wissen oder Erfahrung sein oder auch das Ziel andere Menschen weiterzubilden (Beecroft/Trenks/Rhodius et al. 2018: 82). Die Bildungsziele der beteiligten Gruppen und Einzelpersonen können sich unter Umständen stark voneinander unterscheiden. Dabei lassen die eingenommenen Rollen nicht zwangsläufig Rückschlüsse auf die Bestrebungen zu. So können Studierende auch Ziele jenseits der formalen Bildung verfolgen und zivilgesellschaftliche Initiativen ihren Erfahrungshorizont über ihren Bereich hinaus erweitern wollen (Beecroft/Trenks/Rhodius et al. 2018: 82). Aus unserer Erfahrung besteht vor allem bei Veranstaltungen im Rahmen von Reallaborprozessen die Gefahr, dass die Angebote als günstige Lernmöglichkeit von Außenstehenden wahrgenommen werden. Um dem entgegenzuwirken können die Initiator:innen den Austausch vor-, während und nach den Veranstaltungen mit den Beteiligten suchen, offene Gespräche über relevante Themen führen und das Reallabor als einen geschützten Rahmen vermitteln, in dem offener Austausch möglich und gewünscht ist. Die Ermöglichung von Diskurs kann laut Schäpke/Stelzer/Caniglia et al. zu sozialem Lernen führen, Vertrauen zwischen den Teilnehmenden aufbauen, Konflikten vorbeugen und kollektive Bedeutungsbildung fördern (2018: 88).

Neben individuellen und sozialen Lernprozessen treten in Reallaboren Lernprozesse auf, die sich auf die transdisziplinäre Kooperation beziehen (Schäpke/Stelzer/Caniglia et al. 2018: 88). Während sich das individuelle Lernen auf die eigene Kompetenzentwicklung und das soziale Lernen sich im Reallaborkontext auf Probleme und Lösungen hinsichtlich Nachhaltigkeit bezieht, geht es bei der dritten Ebene des Lernens um die Frage, wie heterogene Akteur:innen mit unterschiedlichen Interessenslagen und Bestrebungen zusammenarbeiten können. Der Anspruche von Reallaboren auf Transdisziplinarität und der Teilhabe von Praxisakteur:innen, z.B. aus Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft, verlangt die Beschäftigung mit Lernprozessen hinsichtlich dieser „transdisciplinary collaboration“ (Schäpke/Stelzer/Caniglia et al. 2018: 88) und ist zentral für einen gelungenen Reallaborprozess. Zudem können Erkenntnisse, die aus Kooperationserfahrungen und Lernprozessen hinsichtlich Zusammenarbeit generiert werden, systematisiert auf weitere Reallabore übertragen werden.

Um diese Lernprozesse zu fördern, können Initiator:innen von Reallaboren eine angenehme räumliche Atmosphäre schaffen und versuchen das zwischenmenschliche Klima innerhalb des Reallabores positiv zu beeinflussen, zu moderieren, Meinungen, Wünsche und Bedürfnisse immer wieder aufzugreifen und produktive Diskussionen anzustoßen. Laut Schäpke/Stelzer/Caniglia et al. erfordert dies ein hohes Maß an Reflexivität als „Nachdenken über den Einfluss, den die Werte, Normen und Erkenntnistheorien der Akteur:innen auf die Zusammenarbeit haben“ (2018: 88). In der Theorie ist die Notwendigkeit dieser Reflexivität offensichtlich (Schäpke/Stelzer/Bergmann et al. 2017: 5), in der Praxis stecken Wissenschaftler:innen als Initiator:innen der Reallabore in der Doppelrolle zwischen Wissenschaft und Intervention, was eine objektive Reflexivität erschwert. Der offene Austausch mit dem eigenen Team und Beteiligten aus dem eigenen oder anderen Reallaboren kann hilfreich sein, um die Hemmfaktoren für transdisziplinäre Kooperation zu identifizieren, gewonnene Erfahrungen zu analysieren und in transferierbare Erkenntnisse zu überführen.

Zudem spannend ist die Perspektive auf „Scheitern als Wissensquelle“ (Newig 2013: 135) für Transformationsprozesse. Der Nachhaltigkeitswissenschaftler Newig weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in der Regel Best-Practice-Beispiele für eine Entwicklung zur Nachhaltigkeit herangezogen und untersucht werden, während Erfahrungen, die durch gescheiterte Projekte entstehen oft ignoriert werden (Newig 2013: 135). Dadurch bestehe die Gefahr, dass entscheidende Faktoren ausgeblendet werden. Newig plädiert dafür, Scheitern und dessen Faktoren systematisch zu behandeln: „So lässt die Analyse von Auslösern und Mustern von Verfall sowie der Lebenszyklen von Systemen, die Verfall einschließen, Rückschlüsse über die Stabilität von Strukturen und begünstigende Faktoren zu, die gerade in Krisenzeiten von großer Bedeutung sein können“ (2013: 135-136). Für Reallabore bedeutet dies, dass auch eine Auseinandersetzung mit und die Untersuchung von weniger erfolgreichen Versuchen sinnvoll sein kann. Warum wurde eine Veranstaltung kaum besucht? Aus welchem Grund möchten die Beteiligten sich nicht an Evaluation und Reflexion beteiligen? Wieso ist die Zusammenarbeit zwischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Akteur:innen gescheitert?

Auch die Auseinandersetzung mit Ansätzen, Zielsetzungen und Vorgehensweisen von praxisorientierten Transition Netzwerken kann an dieser Stelle sinnvoll sein. Zum einen kann der Selbstanspruch entschärft werden, einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der „vielschichtige[n], miteinander verwobene[n] Problemmuster“ (Wittmayer/Hölscher 2017: 38), die mit der großen Transformation einhergehen, zu lösen. Stattdessen können auch kleinere Schritte, Erfolge und Misserfolge als nützlich und zielführend betrachtet werden. Zum anderen können Forschende in Reallaboren sich den Erfahrungen und Erkenntnisse aus den Kooperationen von Transtion Initiativen und Netzwerke mit wissenschaftliche Partner:innen bedienen und so die eigenen Lernprozesse im Rahmen von transdisziplinärer Kooperation (Schäpke/Stelzer/Caniglia et al. 2018: 88) einordnen oder sogar beeinflussen.

2.2.3 Aktionswissen für Transformation

Häufig wird in Reallaboren zwischen wissenschaftlichen Zielen und praktischem Nutzen unterschieden und beide Faktoren getrennt voneinander diskutiert, erhoben und evaluiert (Wagner/Grunwald 2015: 28-29). Dabei stellt sich die Frage, ob dieses Vorgehen nicht dem Anspruch von Ko-Design und Ko-produktion von Reallaboren wiederspricht. Die tatsächliche gemeinschaftliche Entwicklung von Forschungsfragen ist aber bei von wissenschaftlichen Einrichtungen initiierten Reallaboren kaum möglich. Förderbedingungen und Antragsvorhaben verlangen in der Regel klare Zielvorstellungen und konkrete Angaben zu Ergebnissen und deren Verwertbarkeit. In der Folge werden die Forschungsfragen schon vor Projektbeginn festgelegt und die Forschenden stehen in Reallaboren unter dem Druck, diese Fragen zu beantworten, um die Zuwendung nicht zu gefährden.

Reallabore und Praxisprojekte verlaufen in der Realität jedoch selten entlang der meist viele Monate im Vorfeld festgelegten Forschungsagenden. Reallabore sind „Unikate“, die durch technische und vor allem soziale Beziehungen charakterisiert sind und „leben“ (Wagner/Grunwald 2019: 262). Dieses in der Theorie oft vernachlässigte Charakteristikum führt zum einen dazu, dass die Planbarkeit von Reallaboren und ihren Prozessen sich stark in Grenzen hält und sich zum anderen der Ergebnistransfer von einem Reallabor auf ein anderes sehr schwierig gestaltet (Wagner/Grunwald 2019: 262). Praxispartner sehen zudem selten die „Notwendigkeit der Übertragung der Erkenntnisse“ (Wagner/Grunwald 2019: 262) und sind kaum an den schriftlichen und wissenschaftlichen Ergebnissen interessiert (Transition Research Network Experiences). Schneidewind plädiert in diesem Zusammenhang für ein Gleichgewicht zwischen dem Erkenntnisinteresse der Wissenschaft und dem „Transformationsgewinn für die Praxis-Akteure“ (Schneidewind 2014: 4) als handlungsleitendes Wissen.

Welche Methoden innerhalb von Reallaboren verwendet werden können, um diese als wissenschaftliche Erkenntnisinstrumente zu stärken, ist bislang kaum geklärt worden (Wagner/Grunwald 2015: 29). Eine Orientierung am Ansatz der Aktionsforschung könnte dabei helfen. Die Aktionsforschung strebt für die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen eine Kooperation mit der Zivilgesellschaft an und möchte greifbares, anwendbares Aktionswissen und praktische Lösungen für die Forschenden und gesellschaftlichen Akteur:innen erzeugen (Greenwood/Levin 2007: 51; Wittmayer/Hölscher 2017: 42). Es wird also nicht, wie häufig in transdisziplinären Forschung, zwischen unterschiedlichen inhaltlichen Arten von Wissen unterschieden (output, outcome und impact), sondern die „verschiedenen Verwendungszwecke von Wissen“ (Wittmayer/Hölscher 2017: 42) in den Mittelpunkt gerückt. Zur Generierung von Handlungswissen, dass mit dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung auch in Reallaboren erzeugt werden soll, kann eine Auseinandersetzung mit Methoden und Zielen aus der Aktionsforschung nützlich sein.

 

2.3 Räume: Nachhaltige Orte mit gesellschaftlicher Wirkung

Die realen Räume, in denen Reallabore umgesetzt werden sollen, werden im wissenschaftlichen Diskurs im Vergleich zu Akteur:innen und Prozessen noch am wenigsten beachtet. Einige Projektvorhaben beabsichtigen zwar ausdrücklich nicht die Transformation konkreter Orte wie einzelner Immobilien, einer Menge von Straßen oder eines umgrenzten Quartiers, stattdessen z.B. die Transformation eines Images, einer mentalen Kategorie oder von räumlich nicht festgelegten Handlungsmustern. Teilweise wird sodann davon ausgegangen, dass Reallabore auch im nicht-konkreten Raum oder innerhalb von enträumlichten „gesellschaftlichen Kontexten“ wie Branchen, Institutionen, Initiativen, Technologien oder Wertschöpfungsketten stattfinden können (Wagner/Grunwald 2015: 27). Ist die räumliche Umsetzung von Reallaboren also zu vernachlässigen? Kann Reallaborforschung die konkrete Teilhabe an Bodenmärkten, Eigentumsarrangements, regulativer Exposition vermeiden?

Nach Schneidewind (2004) und Groß et al. (2005) dienen Experimente in Reallaboren dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und der Aktivierung von Nachhaltigkeitsprozessen vor Ort. „Umso überraschender ist es, dass der räumliche Kontext dieser Transformationsprozesse bislang wenig thematisiert wurde. […] Die (Wechsel)wirkungen von Nachhaltigkeitsexperimenten in und mit ihren jeweiligen räumlichen Kontexten wurden noch nicht systematisch beschrieben.“ (von Wirth/Levin-Keitel 2020: 98). Es stellten sich die Fragen, „inwiefern Nachhaltigkeitsexperimente als gezielte räumliche Interventionen geeignet sind, zum Beispiel um existierende formelle Raumplanungsprozesse zu ergänzen“ (von Wirth/Levin-Keitel 2020: 98) und welche analytischen Kategorien zur Einordnung der Übertragbarkeit in andere räumliche Kontexte herangezogen werden können.

Abhängig von der Herausforderung, der mit handlungsorientierter Reallaborforschung begegnet werden soll, ergeben sich andere Anforderungen und Chancen der räumlichen Manifestation. Bott/Grassl/Hellstern et. al nennen als Herausforderungen der nachhaltigen Stadtentwicklung etwa die Themen „Mensch und Soziokultur, Soziales Gefüge, Lebensstile und Verhaltensweisen, Arten- und Biotopschutz, Stadtklima, Wasser- und Bodenschutz, Stoffströme, Mobilität und Verkehr, Energie, Emissionen, Ökonomie“ (2013). Darin enthalten sind „gesellschaftliche Herausforderungen […], die sich einer unmittelbaren Problemrahmung und einfachen Lösungsansätzen entziehen“ (von Wirth/Levin-Keitel 2020: 99).

Ausgehend von dem physisch-materiell-absolutistischem Raumbegriff Newtons und Kants sowie dem sozial-ökologisch-konstruktivistischem Raumbegriff Arendts und Werlens schlagen von Wirth und Levin-Keitel vier Raumdimensionen als Kategorien eines sozio-materiell-relationalem Raumbegriffs vor: die materiell-physische, die handlungsbezogen-prozedurale, die regulativ-institutionalisierte, die kulturell-symbolische Raumdimension (2020: 101). Diese Ausdifferenzierung kann bei der Gestaltung der Arbeitspakete vor oder während der Antragstellung, bei der Betrachtung der Systemelemente in der analytisch-konzeptionellen Phase, sowie bei einer (neuen) Schwerpunktsetzung in den Verhandlungen der Partnerinnen vor oder während der Projektumsetzung helfen.

„[D]ie vier Raumdimensionen [sind] lediglich in ihrer analytischen Funktion trennbar. In der Ganzheit der räumlichen Kontexte treten diese überlagernd, gleichzeitig und in gegenseitiger Wechselwirkung auf“ (von Wirth/Levin-Keitel 2020: 102). Auch in unseren Erfahrungen in der Umsetzung von Reallaboren in Realexperimenten waren alle diese Raumdimensionen relevant: So berühren Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen der Re-Integration von materieller Produktion in gemischte Quartiere (UrbaneProduktion.Ruhr) bespielsweise sowohl die physisch-gebaute Realität, individuelles Konsumverhalten und Lebensstile, die baulichen und marktordnenden Zulässigkeiten als auch (gemeinschaftliche) Repräsentationen von Vergangenheit und Zukunft eines Quartiers. Soll ein Experiment der Anforderung gerecht werden, tatsächlich zu nachhaltigen, d.h. zu verstetigenden Transformationen beizutragen, erhalten die spezifischen raumbezogenen Bindungen noch mehr Gewicht: Was ist vor Ort dauerhaft machbar?

Parodi/Beecorft/Albiez et al. nennen die Anforderungen an einen Reallaborort: „Sichtbarkeit, Zugänglichkeit, Adressbildung und Adressierbarkeit“ (2016: 13). Beteiligte Menschen sollen sich treffen und austauschen, „Identifikation und Auseinandersetzung“ sollen möglich sein, der Ort soll eine „Ernst- und Dauerhaftigkeit“ vermitteln, das Vertrauensverhältnis zwischen Forschenden und Praxispartner:innen stärken, die „Bereitstellung, Generierung und Bündelung von wissenschaftlichem, lokalen und lebensweltlichem Wissen“ und Diskussionen um nachhaltige Entwicklung mit lokalem Bezug verstetigen und unterstützende Bedingungen für „Partizipationsprozesse auf allen Stufen“ sowie Bildungsangebote schaffen (Parodi/Beecorft/Albiez et al. 2016: 13). Wie sieht ein solcher Ort aus, an dem sich verschiedene Menschen wohlfühlen, aufhalten und mit anderen, fremden Menschen in Kontakt kommen? Wie kann eine Balance zwischen Wohlfühl- und Arbeitsatmosphäre erreicht werden? Wo muss sich ein solcher Ort befinden? Wie können verfügbare Räume für Reallabore zur Verfügung gestellt werden? Inspiration für die Beantwortung dieser Fragen kann in bestehenden, gemeinschaftlich organisierten Raumnutzungsprojekten entdeckt werden.

Es gibt vielerorts Initiativen, die sich die gemeinschaftliche Wiederbelebung vernachlässigter Räume, insbesondere von Leerständen zum Ziel gesetzt haben. Das seit längerer Zeit vorrangig in Metropolen wie Amsterdam und Berlin bestehende Phänomen erhielt spätestens 1996 Ansehen als Instrument der städtebaulichen Revitalisierung, als das Land Nordrhein-Westfalen das Programm Initiative ergreifen mit der Absicht auflegte, „ungewöhnliche Bürgerprojekte zu fördern, neue Arbeit zu schaffen und die Lebensqualität in Siedlungen und Stadtteilen zu verbessern“ (Dahlheimer 2007: 57). Es fördert „Projekte der Umnutzung denkmalgeschützter, industriekulturell und städtebaulich bedeutsamer Gebäude, neue Infrastruktur für nachbarschaftliches Zusammenleben, Bürgerhäuser und Kulturzentren, die Investition in Steine verbunden mit der Investition in die Köpfe“ (Dahlheimer 2007: 58). Seit Beginn des Programms wurden 84 bürgerschaftliche Immobilienprojekte qualifiziert und finanziell unterstützt (MHKBG NRW 2020).

Das Land Bremen hat 2009 die ZwischenZeitZentrale (ZZZ) ins Leben gerufen, die seitdem in Bestandsimmobilien ohne unmittelbare Anschlussnutzung Zwischennutzungen in enger Absprache mit den Nachfrager:innen kleinteiliger Flächen, den Anbieter:innen/Eigentümer:innen und den relevanten Genehmigungsbehörden organisiert (Hasemann/Schnier/Angenendt et al. 2017: 184-185). Wie im Landesprogramm Initiative ergreifen verknüpft die ZZZ gemeinschaftliche Ziele einer ästhetisch-funktional höherwertigen Stadtqualität mit privaten Zielen wie Unternehmensgründungen, kultureller (Selbst-)Verwirklichung und sozialer Interaktion: Die ZZZ strebt „die Schaffung von Urbanen Laboren als Entstehungsorte für neue Formen des Zusammenarbeitens und -lebens“ an, die „experimentelle und multifunktionale Möglichkeitsräume in neuen Nachbarschaften“ sein und „darüber hinaus Raum zum Kennenlernen und Austauschen“ sowie „Büro- und Arbeitsräume“ zur Verfügung stellen und damit „Schnittstellen für bestehende und neu geschaffene Kultur- und Bildungsangebote im Stadtteil“ bilden wollen (Hasemann/Schnier/Angenendt et al. 2017: 184-185).

Teilweise entstehen derartige kooperative Raumaneignungen durch die Initiative einer Hochschule, etwa das Impact Lab „Green City – Just City?“ der Humboldt Universtiät Berlin, das ohne eine Verortung im Reallabor-Kontext auskommt: „[It] allows students to understand processes and strategies of urban appropriation from the inside, whilst retaining a critical and multi-disciplinary view from the outside“ (Mameli/Polleter/Rosengren et al. 2018: 91-102). Einige Nachhaltigkeitsinitiativen verbinden das Bedürfnis, skalier- und reproduzierbare Lösungen für Nachhaltigkeitsprobleme zu schaffen mit der Entwicklung von konkreten Orten, etwa durch den Aufbau von Leihläden oder Geflüchtetenunterkünften (Baier/Hansing/Müller et al. 2016). Die Montag-Stiftung Urbane Räume hat für diese gemeinwohlorientierten Immobilienprojekte den Begriff Immovilien geprägt (Webseite Netzwerk Immovilien).

All diese Initiativen folgen einer Entwicklung, die sich als „neuer offener Kooperativismus“ (Silke Helfrich in Baier/Hansing/Müller et al. 2016: 72) beschreiben lässt. Der starke Fokus auf nachhaltige Prozesse an gemeinschaftlich ausgestalteten Orten befördert Selbstwirksamkeit und Zusammenarbeit, dadurch individuelle Motivation und gesellschaftliche Effektivität. Bestehende Forschungsvorhaben mit Reallaborcharakter, die sich konkret verorten wollen, können sich an den Umsetzungen zivilgesellschaftlicher Immovielienprojekte orientieren, mindestens in der Klärung der oft fraglichen steuerrechtlichen, abrechnungstechnischen, haftungsbezogenen Detailfragen. Möglicherweise können sich neu formierende Reallaborvorhaben aber auch mit oder gar durch die ortsbezogenen Initiativen selbst gründen, um die soziale Durchmischung, die Langfristigkeit und tatsächliche Breitenwirkung des Projekts zu sichern oder zu verbessern. Eine räumliche Überlagerung der konzeptionellen Funktionen Treffpunkt, Verhandlungsort, Kulisse und Wirkraum kann die Identifikation aller Beteiligten erhöhen.

 

3 Reallabore in der Stadtentwicklung

Es ist wichtig, dass ein Reallabor als wissenschaftliches Instrument strukturiertes Wissen erzeugt. Aber es ist auch wichtig, dass Reallabore den Untersuchungsgegenstand im Sinne einer aktivierenden Transformation als tatsächlichen Gestaltungsgegenstand begreifen und bereit sind, zu pragmatischen, effektiven Lösungen für partikulare, realweltliche Probleme beizutragen. „There is a preoccupation with the distance between knowledge and practice, as if knowledge for ever cuts itself off from the individual, to which, by necessity, action and practice are committed. Practical wisdom engages with the individual, with the contingent this-ness of things, but can only ever do so in blindness. Aristotle gives the name experience to the ground which allows this deliberation. But there can be no science of the individual“ (Forrester 1996).

So fordern von Wirth und Levin-Keitel auch „Übersetzungsleistungen, die den großräumigen Transformationsansprüchen eine lokale Notwendigkeit und Legitimität gegenüberstellen“ (von Wirth/Levin-Keitel 2020: 104). Hierzu müssen in Reallaboren auch diejenigen Personen ohne wissenschaftliche Ausbildung oder Expertise an einem gemeinschaftlichen Erkenntnisgewinn beteiligt werden. Deshalb müssen wir uns auch mit vermeintlich unwissenschaftlichen, von lokalem Erfahrungswissen geleiteten Rechtfertigungsstrategien auseinandersetzen. „I believe that, in point of fact, when drawing inferences from our personal experience and not from maxims handed down to us by books or tradition, we much oftener conclude from particulars to particulars directly than through the intermediate agency of any general proposition. We are continually reasoning from ourselves to other people, or from one person to another, without giving ourselves the trouble to erect our observations into general maxims of human or external nature […] We all, where we have no definite maxims to steer by, guide ourselves in the same way; and if we have extensive experience and retain its impressions strongly, we may acquire in this manner a very considerable power of accurate judgment, which we may be utterly incapable of justifying or communicating to others“ (Mill 1884: 123).

3.1 Stadt gemeinsam gestalten

Reallabore als transdisziplinäres Instrument, die als Ziel die nachhaltige Raumentwicklung und -gestaltung anstreben, müssen sich auch gegenüber den ‚klassischen‘ formellen und informellen Instrumenten der Stadtentwicklung einordnen. Die im Zuge des Reallabors entstandenen lokalen Partnerschaften, Arbeitsgruppen, neuen intermediären Organisationen können als vorbereitendes Element der Grundlagenermittlung und Vorplanung (Bott/Grassl/Hellstern et al. 2013: 105) dienen und für bauleitplanerische Partizipationsprozesse wirksam werden (Fürst/Scholles 2008: 169). Sie können auch eine kommunale Governance, deren Verständnis oftmals eher nur die Einbindung bereits institutionalisierter Akteur:innen umfasst (Selle 2018: 32), um eine spezifische thematisch-lokale Agentur bereichern. Gestaltungswünsche oder Bedürfnisäußerungen im Quartier werden manchmal erst erhört, wenn Gruppen aus Forschenden sie sicht- und lesbar machen, auch wenn Selle hier skeptisch ist: „Zu zahlreich sind die Akteur:innen, die auf den Raum einwirken. Zu vielfältig und verschieden die Aktionen, Interdependezen und Interferenzen. Oft wissen nicht einmal die Ressorts von der Stadtverwaltung voneinander, wer auf welche Weise im gleichen Raum aktiv ist. Nahezu vollständig unerkannt bleiben die zahlreichen privaten Pläne und Aktivitäten […]. Mit einem um Integration des Handelns vieler Akteur:innen bemühten Planungsansatz wird man selbst bei größtem Aufwand immer nur Teile dieser Vielfalt erkennen (und nutzen) können. Das gilt in noch deutlicherer Ausprägung für Forschung, die solche Prozesse begleitet“ (Selle 2018: 417).

Die Ähnlichkeit der Herausforderungen zwischen der (recht neuen) Reallaborpraxis und der (recht alltäglichen) Planungspraxis wird auch bei Selle deutlich, der nach Rittel festhält, es handele sich um Probleme, die nicht abschließend definiert sind, keine festgelegten Lösungswege haben, kein richtig oder falsch als Beurteilung zulassen (Selle 2018: 417). Die Lösung für die Planungspraxis sei, Planung als Prozess zu verstehen, „in dessen Verlauf allmählich bei den Beteiligten eine Vorstellung vom Problem und der Lösung entsteht, und zwar als Produkt ununterbrochenen Urteilens, das wiederum kritischer Argumentation unterworfen wird“ (Selle 2018: 417), nach Rittel 1992: 23). Dadurch erhält dann auch die künstlerische Methode Einzug in den Methodenbaukasten des Reallabors.

Nach Reinermann und Behr (2017) ist die kulturelle und kreative Dimension von Nachhaltigkeit ein Motor in Reallaborprozessen. Die kulturelle Dimension von Nachhaltigkeit rückt im Gegensatz zu den oft technologisch ausgerichteten Lösungsansätzen den Menschen, seine alltäglichen Erfahrungen und das menschliche Zusammenleben in den Mittelpunkt des Transformationsgeschehens (2017: 3). Durch kommunikatives Handeln als Grundlage von wissenschaftlicher Erkenntnis ebenso wie alltäglichen Aushandlungsprozesse wird ein Wandel von Werten, Normen und nachhaltiges Handeln erwartet (Reinermann/Behr 2017: 3-4). Kreativität beschreibt einen erfolgreichen Schritt ins Ungewisse, die Abkehr von üblichen Wegen, eine Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen, die Bereitschaft zu interativen Prozessen und wird immer öfter als Möglichkeit gesehen, Lösungen für nachhaltigkeitsrelevante Problemstellungen zu entwickeln (Reinermann/Behr 2017: 10-11). Für eine Förderung dieser Art von Kreativität braucht es konkrete Räume, in denen sich Menschen der eigenen Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten für eine nachhaltige Entwicklung bewusst werden. Kreativität verlangt zudem nach Störsituationen, in denen „routiniertes Handeln der Menschen gestört“ (Reinermann/Behr 2017: 11) wird.

 

4 Fazit

Tatsächlich werden viele der von uns festgestellten Herausforderungen in der Zusammenarbeit innerhalb des Spektrums zwischen Forschung und Praxis noch immer nicht als solche wahrgenommen. So ist von wissenschaftlicher Seite weiter zu hören, ein unbezahltes Engagement von Bürgerinnen für Forschungsprojekte in ihrer Freizeit sei „selbstverständlich“. Auch die Einhaltung der Bedingungen einer fairen und respektvollen Kooperation bedürfen einer fortlaufenden Überprüfung. Umgekehrt müssen die Praxisakteure stärker für die oft komplexen und exklusiven Inhalte der raum- und planungswissenschaftlichen Forschung sensibilisiert werden. Personen und Organisationen zwischen den Polen Forschung und Praxis müssen sich im Reallabor fortlaufend über Betrachtungsgegenstand und Aktionsebene austauschen und einigen, um ein Auseinanderdriften der Zielstellung zu vermeiden, eine gemeinsame Sprache zu wahren und tatsächlich voneinander zu lernen.

 

August 2020
Annette Bathen, Jan Bunse

 

Literatur

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Wir werden 10!

Wir werden 10!

10 Jahre Urbanisten! Das wäre eigentlich ein guter Grund, eine richtig große Party mit all unseren Mitgliedern, Kooperationspartner:innen, Freund:innen und Unterstützer:innen zu feiern. Da uns das in diesem Jahr leider verwehrt bleibt, feiern wir in kleinem Kreis und verschieben die Fete auf das nächste Jahr.

Trotzdem möchten wir den Anlass nutzen, um auf unsere Entwicklung und die vielen tollen Projekte, Aktionen und Veranstaltungen der letzten zehn Jahre zurückzublicken. Wir können es fast selbst kaum glauben, dass aus den Ideen, die ab 2009 vor allem in einer WG im Leierweg entstanden sind, ein großer und etablierter Verein geworden ist, der deutschlandweit aktiv ist. Damals wie heute sind wir unserer Philosophie treu geblieben: Freiräume neu entdecken, Lebensräume lokal gestalten und Kulturräume gemeinsam beleben. Im folgenden möchten wir mit euch auf eine kurze Reise durch die Urbanisten-Historie gehen.

2010

Gegründet wurde der Verein von 10 Menschen im Jahr 2010. Es folgten viele Teamtreffen, das Corporate Design mit unserem Logo wurde erdacht und wir sind auf Spurensuche ins Dortmunder Unionviertel gegangen, wo wir noch heute beheimatet sind. Die ersten Urbanisten-Aufkleber wurden natürlich gleich großflächig verteilt und auch im Dortmunder Nachtleben an die Menschen gebracht.

2011

Bevor die ersten Aktionen 2011 gestartet haben, wurde unsere Internetseite aufgebaut und eine Facebookseite erstellt. Unser erstes Projekt überhaupt war die kreative Gestaltung von Strom- und Verteilerkästen unter dem Titel „Energieverteiler“. Dafür haben wir Prototypen aus Holz im Hinterhof unserer WG gebaut und bei der „Oase in Beton“ erstmals gemeinsam mit Stadtbewohner*innen künstlerisch gestaltet.

Zum Mitmachen haben wir eingeladen beim Münsterstraßenfest in Dortmund und dem Natur-Festival in Bochum, um anschließend mit der Gestaltung echter Stromkästen im Unionviertel zu beginnen. Es folgten Stadtteilführungen und Ausstellungen im Blauen Haus und in der Werkhalle am Union Gewerbehof, um Künstler*innen und Nachbarschaft zu vernetzen. Unseren ersten Graffiti-Workshop gaben wir für Kids in Gelsenkirchen an der Trendsportanlage Consol und haben mit Jugendlichen das Projekt „Jugend checkt Leerstand“ durchgeführt

2012

Neue engagierte Menschen, darunter viele Raumplaner:innen sind 2012 zu uns dazu gestoßen und haben neue Perspektiven und Blickwinkel in den Verein getragen. Highlight des Jahres war der Umzug des Vereins aus der WG in ein das Ladenlokal in der Rheinischen Straße in Dortmund und der Aufbau eines urbanen Gartens zusammen mit der direkten Nachbarschaft. Weitere Energieverteiler wurden im Viertel künstlerisch gestaltet, die Methodenbox „Coloria-Stadtexpedition für kreativer Forscher“ erarbeitet und unsere Ideen im Dortmunder U ausgestellt. Pressetermine und Interviews waren damals noch sehr neu und aufregend und haben die Herzen jedes Mal schneller schlagen lassen.

2013

Ab 2013 ging es richtig ab. Wir brachten zwei neue Homepages an den Start: Zusammen mit dem Hamburger Gängeviertel wurde der „Leerstandsmelder“ nach Dortmund geholt und wir haben die Netzwerkplattform „Urbane Oasen“ ins Leben gerufen. Unser erstes Aquaponikgewächshaus wurde am Union Gewerbehof in Betrieb genommen und wir haben den Bürgergarten „Kleine Heroldwiese“ sowie den 3-Bäume-Park im Unionviertel bei der Gründung unterstützt. Mit einer großen Graffitiaktionen haben wir die Herbstakademie am Dortmunder Schauspielhaus bereichert und Kindern den Umgang mit der Sprühdose beim Projekt „Nordstrom“ zusammen mit der Stadtteilschule gezeigt. Unser Büro bekam endlich eine professionelle Beschilderung, unser Hinterhof nahmlangsam Gestalt an und wir konnten auf unserem ersten Lastenfahrrad durchs Viertel flitzen. In unserer ersten Zukunftswerkstatt wurde im Team über Potenziale für ein lebenswertes Quartier diskutiert und Stadtteilhonig abgefüllt.

2014

Passend zum Frühling starteten wir 2014 mit unserer ersten Pflanzentauschbörse am Union Gewerbehof. In den Hinterhof unseres Büros haben wir eine schmucke Sitzecke gezaubert, um mit dem größer werden Urbanisten-Team auch unter freiem Himmel neue Projekte zu planen. Den Vorplatz des Schauspielhauses Dortmund haben wir mit engagierten Menschen beim NRW-Theatertreffen komplett verwandelt und beim Projekt „MachBunt“ einen ganzen Spielplatz zusammen mit der Nachbarschaft kreativ umgestaltet. Weiter ging es mit unserer Teilnahme an der Extraschicht in Dinslaken, einem Energieverteiler-Projekt im Althoffblock zusammen mit DEW21, Telekom und der Deutschen Post sowie einem Graffiti-Battle mit dem JKC des Jugendamtes Dortmund im Unionviertel.

2015

2015 starteten wir gleich mit einer ganzen Reihe cooler Bauprojekte, bei denen handwerkliches und fachliches Knowhow verbunden wurde. Unser Aquaponik-Gewächshaus am Union Gewerbehof bekam ein Update, wurde besser, größer und raffinierter und wir bauten die ersten mobilen Aquaponik-Systeme z.B. für das „Innovative Citizen Festival“ im Dortmunder U. Zum Thema Upcycling gaben wir erstmals Workshops beim „Save the World Festival“ in Bonn und bauten für das Kreativquartier in Essen bewegliche Stadtmöbel aus Einwegpaletten für das Projekt „ArtSpace“.

Weiter ging es mit der Gestaltung unseres Büros an der Rheinischen Straße. Die Außenfassade bekam vorne einen schwarzen und hinten einen gelben Anstrich. Bunt wurden weitere Strom- und Verteilerkästen gemeinsam mit Jugendlichen aus der Gemeinde St. Bartholomäus in Dorstfeld. Als Anerkennung für unsere Arbeit bekamen wir im Dortmunder Rathaus den ersten Preis „Soziale Stadt“ der PSD-Bank.

2016

Die künstlerische Gestaltung von Pumphäusern der Emschergenossenschaft eröffnete 2016 eine spannende Zusammenarbeit, auch die S-Bahn-Haltestelle Dortmund West bekam in diesem Jahr einen kreativen Anstrich. Für den Sommer am Dortmunder U haben wir die Gestaltung des Vorplatzes erarbeitet, für das Dortmunder Unionviertel entwickelten wir unser erstes Urban Game „Streetart-Bingo“.

Frisch geboren wurde 2016 auch unsere „Urbanisten-Manufaktur“ am Union Gewerbehof. Mit einer Förderung durch die „Anstiftung“ und die Bezirksvertretung Innenstadt-West konnten wir nach einer Ausstellung im Rahmen der „Emscherkunst“ unsere heutigen Räumlichkeiten beziehen und einrichten. Wir entwickelten mit der neuen Ausstattung spannende Bildungsangebote zu Upcycling & DIY und eröffneten die Offene Werkstatt.

Dieses erfolgreiche Jahr durften wir mit einem weiteren Highlight beenden. In Zusammenarbeit mit dem Kulturort Depot Dortmund erdachten wir das Festival-Format „TrashUp!“, das Upcycling-Künstler aus ganz Deutschland nach Dortmund holte und die Besucher mit Workshops, Lesungen, Podiums-Talks und Kinofilmen über die Themenkomplexe Müllvermeidung, Ressourcenschutz und kreative Abfallnutzung informierte und zum mitmachen einlud.

2017

Passend zum Start der Gartensession gründete sich 2017 der Westgarten im Dortmunder Unionviertel und lud die lokale Bevölkerung zum Mitmachen ein. Künstlerisch gestaltet wurde die Brücke der S-Bahn-Haltestelle Dortmund-West, durch eine Förderung der Bezirksvertretung innenstadt-West. Im Rahmen des Forschungsprojektes „urbane produktion.ruhr“ bezogen wir gemeinsam mit den Forschungsinstitutionen IAT und InWis die entweihte Lutherkirche in Bochum Langendreer und erschufen dort das LutherLab.

Der Ausbau unserer Urbanisten-Manufaktur nahm weiter Gestalt an und wurde immer professioneller. Wir bauten mobile Skaterampen mit der Dortmunder Skateboardinitiative für den Vorplatz vom Dortmunder U und organisierten das Projekt „CreateYourSkateplaza“. Weiter gings mit einem Themenzelt auf dem Campfire-Festival, das vom Recherchezentrum „Correctiv“ erstmals auf dem Campus der TU-Dortmund organisiert wurde. Die tolle Zusammenarbeit führte außerdem dazu, dass wir den neuen Buchladen und Geschäftssitz von Correctiv in Essen im Rahmen eines Workshops mit Upcycling-Möbeln gestalten durften. Mit den Erfahrungen aus dem Vorjahr wurde das „TrashUp!-Festival“ um neue Veranstaltungsformate erweitert und lockte in Kooperation mit DEW21 noch mehr Besucher zum Kulturort Depot.

2018

Das „YouDo-Festival“ eröffnete das Jahr 2018 und zeigte spannende Einblicke in Produktionsstätten von Kreativen aus dem Dortmunder Unionviertel. Außerdem ging der Westgarten in seine zweite Gartensession. Im Aktionsfeld Kunst im öffentlichen Raum wurden die Produktionen und kooperativen Gestaltungen immer größer, es entstanden Kunstwerke z.B. am Künstlerhaus, an der Gabionenwand an der B56 und an einem Privathaus in Westerfile zum Thema „Straße der Kinderrechte“. Do-it-yourself Projekte realisierten wir mit dem Gymnasium Überruhr, zusammen mit den Schüler:innen erschufen wir dort ein grünes Klassenzimmer und bauten den Außenbereich der Jugendfreizeitstätte „Palme7“ um.

2019

Das Forschungsprojekt „LUZI –Labor für urbane Zukunftsfragen und Innovation“ startete 2019 im Dortmunder Unionviertel zusammen mit der „Dezentrale“ von Frauenhofer-UMSICHT und dem UnionGewerbehof. Gemeinsam werden Potenziale und Möglichkeitsräume für nachhaltiges Handeln an Orten des Selbermachens erkundet. Ein urbaner Waldgarten wurde gemeinsam mit der Gemeinde St. Urbanus aufgebaut und die Gruppe des Westgartens entwickelte Möbel in unserer Manufaktur. In Bochum Wattenscheid wurde aus einem leerstehenden Ladenlokal das „WatCraft“, ein Begegnungs-und Kulturort für alle lokalen Bewohner*innen und eine Hausfassade in der Hydenstraße in Dortmund wurde künstlerisch gestaltet.

Zum evangelischen Kirchtag erschufen wir ein echtes Flaggschiff: die Arche 2.0. Gemeinsam mit den Besucher*innen wurde erst der Rumpf verkleidet und Bug und Heck bepflanzt. Anschließend durften wir die Arche dem „Haus der Vielfalt“schenken, wo sie seitdem gepflegt und gehegt wird. Außerdem wurde die Urbanisten-Manufaktur um einen Raum erweitert und das TrashUp-Festival in einem „Rethinking“ neu gedacht und konzipiert. Ein Lastenfahrrad als echter Schwertransporter bereichert unseren Fuhrpark durch eine Förderung von „Nordwärts“ und bringt uns seitdem elektrifiziert durch die Stadt. Besonders haben wir uns über den Günther-Gregg Preis zum Thema Hydrokultur gefreut.

2020

Angekommen im Jahr 2020 freuen wir uns natürlich wie Bolle über unser zehnjähriges Bestehen. Wie viele andere Initiativen stehen wir jedoch vor großen Herausforderungen und müssen in der aktuellen Situation improvisieren und neu Denken. So haben wir angefangen einige unserer Angebote digitaler zu gestalten. Mit dem Projekt „FutureClub“ sollten für Kinder und Jugendliche aus Dortmund-West eigentlich kreative und handwerkliche Workshop-Angebote geschaffen werden. Da dies zurzeit nur eingeschränkt möglich ist, haben wir verschiedene Onlineangebote erstellt. Außerdem haben wir „bunterbeton“ ins Leben gerufen, der Podcast soll als Wissensquelle und Plattform für kulturelle Stadtentwicklung dienen. Dafür sind wir aktuell in ganz Deutschland unterwegs, um euch spannende Initiativen vorzustellen, die in irgendeiner Weise die Welt zu einem besseren Ort machen wollen.

Wir haben mal wieder ein neues Urban Game entwickelt, diesmal in Wuppertal: „Klassenkampf –Wem gehört die Stadt?!“. Im Auftrag der Stadtbibliothek Wuppertal haben wir für das Jubiläumsjahr Engels2020. Große Freude gab es ,als wir als einer von fünf Creative.Spaces 2020 ausgezeichnet wurden. Das Kompetenzzentrum Kreativwirtschaft des Landes NRW unterstützt damit das Engagement der Netzwerke in ihren Regionen. Um das Wissen um die Vorteile der Aquaponik zu verbreiten, haben wir gemeinsam mit Schüler*innen der Gustav-Heinemann-Gesamtschule und des Westfalenkollegs jeweils ein Aquaponik-System gebaut. Dieses steht jetzt als Lernobjekt in den Schulen und wird dort gehegt und gepflegt. Um mehr Grün in die Städte zu bringen durften wir außerdem zusammen mit dem „Fachgeschäft für Stadtwandel“ ein Parklet bauen, welches dann im Essener Stadtteil Holsterhausen aufgestellt wurde.

Ein langer Weg

Seit unserer Vereinsgründung 2010 haben wir uns nicht nur inhaltlich, sondern auch räumlich weiterentwickelt und sind aus der studentischen WG herausgewachsen. Und obwohl unser Standort im Unionviertel ist und im Büro alle Fäden zusammenlaufen, sind wir weit über das Viertel und Dortmund hinaus aktiv. Wir beleben Leerstände in Bochum, haben ein kleines Büro in Hamburg, machen Projekte in vielen anderen Städten, und verbreiten unsere Ideen in Vorträgen oder auf Konferenzen. Unsere Vision von einer Stadtgesellschaft, in der die Bewohnerinnen und Bewohner ihr Lebensumfeld kreativ und eigenverantwortlich gestalten, zieht ihre Kreise. Und wir sind noch lange nicht am Ende: Wir möchten weiterhin neue Menschen und Perspektiven mit an Bord holen, neue Projekte realisieren und zusammen mit euch an der nachhaltigen Stadt der Zukunft arbeiten.

 

Startschuss für LUZI am 15. November

Wie können wir eine nachhaltige Entwicklung von Quartieren und eine lebendige Urbanität fördern? Wie sehen gemeinschaftliche Zukunftsbilder aus? Wie können viele Einzelne kollaborativ die nachhaltige Stadt der Zukunft gestalten?

Nur noch eine Woche, dann startet das LUZI im Unionviertel, Das Offene Labor für urbane Zukunftsfragen und Innovation (LUZI) bringt Menschen zusammen, um herauszufinden, wie Innovation für eine lebenswerte Stadt der Zukunft kollaborativ entsteht. LUZI fördert Austausch, Netzwerke, Kooperation und bietet lokalen Akteuren die Möglichkeit, Ideen zu entwickeln, eigene Themen zu vertiefen und konkrete Projekte umzusetzen. Neben uns Urbanisten sind der Union Gewerbehof und die Dezentrale von Fraunhofer UMSICHT am Forschungsprojekt beteiligt.

Nun laufen die Vorbereitungen für unsere gemeinsame Kickoff-Veranstaltung am 15. November 2019 ab 15.30 Uhr in der Werkhalle auf Hochtouren.

Wir möchten über das Projekt informieren, euch kennenlernen und Beteiligungsmöglichkeiten für Interessierte aus dem Unionviertel, Dortmund und der Umgebung aufzeigen. Ihr könnt eure Themen einbringen, Wünsche für Veranstaltungsformate äußern, Projektideen mit uns teilen oder euch mit anderen Macher*innen austauschen. Im Rahmen der Veranstaltung habt ihr außerdem die Möglichkeit an einer Führung über den Union Gewerbehof teilzunehmen und die bereits existierenden Orte des Labors kennenzulernen.

 

 

Das Vorhaben wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert.

Work at Werk Union – Künstlergruppen erobern weißen Fleck im Unionviertel

Land in Sicht?

Bisher begrenzt die Grüne Wand unseren Blick wie unser Wissen über das ehemalige HSP-Gelände. Längst außer Betrieb weisen unzählige Rohre den Weg tiefer hinein ins Unbekannte. Vier Künstler*innen-Gruppen erforschen von Juni bis September 2018, welche überhörten Geschichten, utopischen Realitäten und Zukünfte sich hinter dem satten Grün finden oder erfinden lassen. Ausgestattet mit dem WORK AT WERK UNION-Stipendium, das die Urbanisten zusammen mit dem Dortmunder Theaterfestival FAVORITEN ausgelobt haben, leben, forschen und proben sie je drei Wochen in der Werkhalle über das Gelände.

Working Class Daughters

Als erste Gruppe beziehen Kristina Dreit, Karolina Dreit und Anna Tzpis im Juni Stellung auf dem Areal und wollen die Stimmen der ehemaligen Arbeiterinnen hörbar machen: Was haben die Mütter, Großmütter und Tanten bei der industriellen Arbeit erlebt und wie haben sich diese Erlebnisse in die Familiengeschichte übertragen? „Für Brot und Rosen“ – lautete 1911 die Parole streikender Arbeiterinnen in New York. Es war der Ruf für gemeinsame Forderungen und Solidarität in den feministischen Arbeitskämpfen. Welche Rückkopplungen hat es bei den Arbeiterinnen in Dortmund gegeben? Und welche Arbeitsabläufe wurden in die Körper eingeschrieben?

Terra Incognita

Einen Ausblick auf die Hoffnungen hinter dem Grün wagen Negar Foroughanfar, Dorothee Haller, Christian Behrens und Moritz Kotzerke. Das vierköpfige Team aus dem Heterotopia-Studiengang der Folkwang Universität Essen erklärt das Gelände der Werk Union kurzerhand zum Kap der guten Hoffnung und entwirft eine mobile Versammlungs- und Ausguckstation für zu gewinnende und verloren gegangene Hoffnungen. Sie fragen, inwiefern die in die Künstler*innen gesetzte Hoffnung in Stadtplanungsprozessen überhaupt sinnvoll oder stattdessen immer schon zum Scheitern verurteilt ist. Die Hoffnungsvorkommen des Geländes tragen die Vier in einer Lost- & Found-Station zusammen, ihr gezimmerter Ausguck dient ihnen als Ankerpunkt, Werkzeugkiste und Bühne für öffentliche Momente.

Dass es am Ende jeder Residenz eine öffentliche Präsentation gibt, ist für die Festivalleiterinnen Fanti Baum und Olivia Ebert genauso wichtig wie für Svenja Noltemeyer von den Urbanisten: „Das Gelände war jahrzehntelang ein weißer Fleck auf der Landkarte der Nachbarschaft, da nur Arbeiter*innen Zutritt hatten“, sagt Noltemeyer, „uns ist es ein großes Anliegen diesen Raum für die Stadtgesellschaft zu öffnen, und als einen Möglichkeitsraum für solidarische Stadtentwicklung zu behaupten“. „Das Publikum“, ergänzen Olivia Ebert und Fanti Baum „erhält zudem Einblick in künstlerisches (Er)Proben und Denken – gemeinsam irritieren die Künstler*innen die Geschichtsschreibung und lassen alternative Zukünfte aufscheinen“.

Den Boden frei lassen

Die beiden Tänzer und Choreographen David Guy Kono und Antoine Effroy begreifen den jetzigen Zustand des Geländes als eine Zwischenzeit: Zwischen vergangener Stahlindustrie und zukünftiger Siedlung steht der Boden auf diesem Gelände frei. Was wäre, fragen sie aus einer postkolonialen Perspektive, wenn wir den biblischen Befehl „Mach dir die Erde untertan“ ablehnten? Was wäre, wenn wir den Boden frei ließen und die westliche Ausbeutung des Bodens aufgäben – ihn nicht ausbeuten, ver/kaufen oder ihm Ressourcen entnehmen – und stattdessen jenen Boden als kamerunisches Dorf dächten? Welches Land, welches Leben wäre da in Sicht? Dies wollen die Zwei im Dialog mit den Anwohner*innen herausfinden und kommen mit Neugier und eigenen Erfahrungen in der Nachbarschaft vorbei.

Rosa Wolken

Wenn sich im Sommer auf der Rheinischen Straße zum Grün der Baumkronen rosa Wolken gesellen, kann das nur eine transzendente Aktion von Vesela Stanoeva und Christian Bröer sein, die die Bäume in ihrer mythischen Erhabenheit feiern und unsere Vorstellungskraft beflügeln – luftiger als jedes Nashorn das je könnte. Spätestens dann gerät der weiße Fleck auf der Landkarte für einige Sekunden in Vergessenheit, denn sattes Rosa umwölktuns.

Nach jeder Residenz gibt es eine Präsentation der künstlerischen Recherchen und aktuelle Informationen und Diskussionen zur Zukunft des Geländes in der Werkhalle (Eingang über Rheinische Straße 143). Am 10. September zeigen die Stipendiaten ihre Arbeitsergebnisse beim FAVORITEN FESTIVAL in der und um die Werkhalle. Alle Termine findet Ihr in Kürze in den Terminen. Der Eintritt ist frei.

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www.favoriten-festival.de

Link zu den Infos zur Neuen Werk Union

Neue Werk Union: Theater und Stadtentwicklung zusammengedacht

Wir wollen uns im Rahmen des Projekts Neue Werk Union in diesem Sommer künstlerisch mit der Entwicklung westlich der Dorstfelder Brücke beschäftigen. Von der Tanzperformance zum Audio‐Walk, von historischer Recherche zu abstrakter Form, von nachbarschaftlichen Gesprächen zum Vertiefen ins Archiv, drinnen in der Werkhalle oder draußen auf dem Gelände – es ist alles möglich und denkbar. Wenn Ihr Lust habt, mitzumachen, meldet Euch unter neuewerkunion AT dieurbanisten.de

Infos zum Projekt Neue Werk Union

Urbane Produktion im LutherLAB

Die ehemalige Lutherkirche in Bochum-Langendreer-Alter Bahnhof wird wieder genutzt! Vom 16. September bis zum 19. Oktober 2017 wird das Gebäude als Werkstatt und Seminarraum verwendet. Das Programm könnt ihr unter https://www.lutherlab.de/ entdecken.

Im LutherLAB soll mithilfe einer offenen Werkstatt, eines Seminarbereichs und eines Begegnungsortes das kreative und handwerkliche Potential der Bevölkerung Langendreers in den Fokus gestellt werden. In den fünf Wochen der Zwischennutzung auch im Rahmen des Stadterneuerungsprozesses „Soziale Stadt Werne –  Langendreer-Alter Bahnhof“ finden in Kooperation mit dem Bahnhof Langendreer zahlreiche Workshops, Seminare, Vorträge und Treffen statt, die sich alle mit Fragen und Konzepten der kleinteiligen Urbanen Produktion beschäftigen: Es wird Bier gebraut, Marmelade gekocht, an Lastenrädern geschraubt; es wird gebastelt, geklebt, genäht; es wird Mitmach-Aktionen zu Müllvermeidung, 3D-Druck und Aquaponik geben; und zwischendurch bleibt genug Zeit für einen gemeinsamen Kaffee.

Wir betreuen das Projekt im Rahmen unseres Forschungsprojekts „UrbaneProduktion.ruhr“. Mit dem Institut Arbeit und Technik, der Inwis GmbH und der Stadt Bochum erforschen wir, wie produzierende Gewerbebetriebe in der Zukunft wieder innerhalb der Stadt angesiedelt werden und wie Menschen gemeinsam neue Produktionsnetzwerke bilden können – damit die regionale Wertschöpfung steigt, damit wir in Zukunft kürzere Wege zwischen Wohnung und Arbeitsort haben, damit wir weniger Müll produzieren, damit das Ruhrgebiet auch im produzierenden Sektor konkurrenzfähig bleibt.

„Urbane Produktion“?

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt „UrbaneProduktion.ruhr“ beschäftigt sich von Oktober 2016 bis September 2019 mit den Chancen und Grenzen innerstädtischer Produktionsstätten. Zum Schutz der Wohnbevölkerung wurden Gewerbe- und Industriebetriebe in der Vergangenheit üblicherweise außerhalb der Stadt geplant. Diese traditionelle Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit gerät aus verschiedenen Blickwinkeln unter Druck: Aus Gründen der Innovationsfähigkeit von Betrieben, die in Zukunft noch mehr auf vernetzt denkende, gut ausgebildete MitarbeiterInnen angewiesen sind, die wiederum Standorte mit urbanem Kulturangebot bevorzugen; aus Gründen der Ressourcensparsamkeit, nach der die Nutzung fossiler Energieträger möglichst zu vermeiden ist und damit das Leitbild der Stadt der kurzen Wege eine Renaissance erfährt – auch ein sorgsamer Umgang mit Grund und Boden ist hier zu nennen; aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit, nach der auch bisher benachteiligte Bevölkerungsgruppen einen (Arbeits-)Platz inmitten einer zukunftsorientierten Gesellschaft finden können sollten. Urbane Produktion kann ein Handwerksbetrieb oder eine kleine Manufaktur sein, eine Stadtfabrik oder auch Urbane Landwirtschaft. Es geht darum, wieder mehr Produkte in der Stadt herzustellen. Mehr dazu unter www.urbaneproduktion.ruhr

Skate Plaza Projekt mit T-Shirt Kauf unterstützen

Sie sind fertig, die „Create Your Skateplaza“ T-Shirts!  Eine gute Botschaft für alle Teilnehmer und Interessierte des Skateprojektes sowie der Skateboardschule. Das  Skateprojekt gibt es mittlerweile seit drei Jahren und ist mittlerweile fester Bestandteil des Stadtbildes. Die Projektkooperationspartner der Urbanisten sind die Skateboard-Initiative Dortmund e.V., das Büro für Kinder- und Jugendinteressen des Jugendamtes und das Dortmunder U.

Im Rahmen des Create Your Skate Plaza Projekts wurden dieses Jahr auch T-Shirts entworfen. Diese gibt es in schwarzer und in weißer Ausführung. Die T-Shirts wurden selbst bedruckt. #handmade

Die Größenauswahl reicht von S bis XL. Jedoch sind auf Grund der großen Nachfrage einige Größen schon fast vergriffen. Also ranhalten Leute, wenn ihr Interesse habt! Die Investition von 10€ pro T-Shirt lohnt sich. Die Qualität der Shirts ist hochwertig und der Erlös kommt dem Skate-Projekt zugute.

Eure Unterstützung ist uns und den Teilnehmern des Projekts wichtig. Wir freuen uns über jeden, der uns mit einem Kauf unterstütz! Dafür bekommt ihr ja auch ein stylisches T-Shirt zurück. Die Auswahl an verschiedenen Prints soll demnächst noch ausgeweitet werden.

Zukünftig soll es auch Urbanisten T-Shirts geben. Seid also gespannt auf noch weitere selbst designte und bedruckte Ausführungen des #Quartiersshirt. Die aktuellen Modelle sind bei TITUS in Dortmund, in der Skathalle Keuninghaus und im Urbansten Büro zu kaufen. Wir halten euch über die Entwicklungen auf dem Laufenden und vergesst nicht, euch bei Interesse jetzt noch ein T-Shirt zu sichern.

 

Die Urbanisten in Rotterdam

Vor einiger Zeit fand in Rotterdam das erste We Love Public Space Festival statt und wir waren eingeladen, die Urbanisten allgemein und das Street Art Bingo im Besonderen dort vorzustellen.

Daniel entschied sich recht spontan, statt des geplanten Skype-Vortrags selbst nach Rotterdam zu fahren. Bei dem von Bas Sala initiierten kleinen Festival handelte es sich um eine Veranstaltung v.a. für Designer, Architekten und Stadtplaner, also das was man gemeinhin als „Fachpublikum“ bezeichnet. Es gab verschieden Vorträge und Workshops an mehreren Spielorten im Distrikt „ZoHo“, einem Kreativquartier nahe des Hauptbahnhofs.

In seinem Vortrag stellte Daniel die Urbanisten e.V. und unsere Arbeit vor. Dann berichtete er von der Entstehung des Urban Games Street Art Bingo und präsentierte die Ergebnisse seiner Masterarbeit, in der die Wirkung dieses Urban Games auf die Wahrnehmung des städtischen Raumes untersucht wurde.

Die Veranstaltung endete mit der Eröffnung einer „Freezone“, eines lebenswert umgestalteten kleinen Platzes im öffentlichen Raum. Bei Bier, Musik und poetischer Sprachkunst konnte man den Tag angenehm ausklingen lassen. Rotterdam ist auf jeden Fall eine interessante Stadt, wo viel passiert und wir werden die Augen aufhalten nach der zweiten Auflage des We Love Public Space Festivals!

 

 

Stadtplanung für Dummies – Ein gelungener Spaziergang durchs Unionviertel!

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Das Wetter war auf unserer Seite! Eine sympathische und wanderlustige Gruppe folgte munter meiner Route durchs Quartier, ich als „Reiseführerin“ hatte sehr viel Spaß!! In den drei Stunden haben wir einige Kilometer per pedes zurückgelegt….Na gut – zugegebenermaßen – eine kleine Strecke haben wir dann doch mit der U-Bahn überwunden.

Gestartet ist die Gruppe in der Adlerstraße 83 im Hinterhof des KOBI. Natürlich wollte ich zunächst erfahren woher die neun Teilnehmenden kommen, und war durchaus überrascht, dass drei Gäste tatsächlich aus Düsseldorf, Essen und Werne angereist sind!? Der Hammer! Umso größer mein Anspruch, den Gästen einen tollen Abend im Quartier zu gestalten.

Die Stadtteilerkundung hat einen bunten Einblick in das Unionviertel gegeben, ein Viertel, das seit Jahren einem ständigen Wandel und Interventionen unterliegt. Die Veränderungen sind teils so rasend, dass selbst ich bei der einen oder anderen Neueröffnung ehemals leerstehender Ladenlokale staunte. Das Pop-Up Studio und Tapir-Media auf der Rheinischen Straße lagen dabei auf unserem Weg. Die neuen Nachbarn lieferten Antworten auf  die Frage, was es bedeutet, sich als Kreativschaffende selbstständig zu machen.

Hut ab vor den Jungs und Mädels, sich sich trauen, eine Geschäftsidee zu verwirklichen, die nicht nur wirtschaftlich profitabel ist, sondern gleichzeitig auch noch einen soziokulturellen Mehrwert für das Quartier schafft! Das Ganze ist in Zusammenarbeit mit der Stadtteilgenossenschaft InWest eG als temporärem Vermieter dieser Immobilien realisiert worden, und hat Modellcharakter für eine Stadtteilentwicklung der Zukunft.

Ich könnte noch ewig berichten von den vielen kleinen und großen Veränderungen im Quartier, doch dafür ist in der nächsten Stadtteilerkundung noch genug Zeit. Mein persönliches Highlight des ersten Kurzseminars war der gemütliche Abschluss im Hofcafé des Union Gewerbehofs, wo die Teilnehmenden bei Suppe und Getränk intensive Gespräche führten, und dem Seminar damit eine ganz persönliche Note gaben. Danke dafür!

Ich freue mich schon auf die nächste Tour!

Eure Yvonne

 

Seid dabei, wenn es am 1. Oktober 2015 wieder heißt:

Stadtentwicklung für Dummies!

Start: 18 Uhr (KOBI, Adlerstraße 83), Ende der Tour gegen 21 Uhr mit Ausklang im Hofcafé.
Kostenbeitrag 22 Euro. Um Anmeldung wird gebeten.
Weitere Informationen und Anmeldungen bitte unter www.kobi.de
Seminar „Unionviertel – Die Lebenswelt vor der Haustür“ // Kurs-Nr.: kb3802155
Bei Fragen kontaktieren Sie Jennifer Petroll (petroll@kobi.de) oder Yvonne Johannsen (y.johannsen@dieurbanisten.de)

Shaking Hans – Initiating collective neighbourhood development

shakinghans_coverWie schafft man es skeptische Anwohnerinnen und Anwohner für Stadtentwicklung zu begeistern? Dazu wurde Ende letzten Jahres der „Research & Action Workshop – Shaking Hans“ mit vielen kreativen und aktiven Bürgerinnen und Bürgerinnen und Bürgern in Essen durchgeführt. Die Ergebnisse sind in der gleichnamigen Online-Publikation mit u.a. einem Beitrag von Vilim Brezina hier finden:

http://www.e-c-c-e.de/fileadmin/Catalyse/CATALYSE_Shaking_Hans.pdf

Junge StadtentwicklerInnen gesucht

Wir haben überlegt, am Forschungsprojekt „Jugend.Stadt.Labor“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung teilzunehmen. Wir mussten leider feststellen, dass ein Großteil unseres Teams mittlerweile schon ganz schön alt ist – jedenfalls zu alt, um die Förderkritieren zu erfüllen. Unabhängig von dieser zarten Erinnerung fehlen uns laufend verlässliche Leute, um die zahlreichen Aufgaben und Projekte im Verein voranzubringen. Wir brauchen Nachwuchs! Wir glauben, es gibt da draussen eine ganze Menge Bufdis, Azubis und Studis, denen die zukunftsfähige Gestaltung der eigenen Stadt am Herzen liegt, die Ideen mitbringen und deren Fähigkeiten und Interessen hervorragend in unser Team passen.

Wenn du also Lust hast, bei einem Projekt mitzumachen, unser Team kennenzulernen und dich in die Prozesse der Stadtentwicklung einzubringen schreib uns eine Mail oder ruf direkt an: 0231 33017401. Wir freuen uns auf dich!

Jugendprojekte im Urbanisten-HQ

Workshop "Leerstand" mit dem SEK

Die Bochumer Straße im Gelsenkirchener Stadtteil Ückendorf ist stark geprägt von Leerständen. Der Strukturwandel macht dem Viertel in wirtschaftlicher und zunehmend auch in städtebaulicher Hinsicht zu schaffen. Man wird den Eindruck nicht los, dass die BewohnerInnen, die es sich leisten konnten, die Gegend verlassen haben und der Rest? „Wo sind die eigentlich?“ fragt sich eine Workshopteilnehmerin.

Das negative Image des Viertels am Wissenschaftspark führt dazu, dass die vielen Eigentümer nicht mehr in ihre Immobilien investieren und die Gebäude leer stehen bzw. leer fallen. Die Instrumente des seit 2002 tätigen Quartiersmanagements scheinen ebenfalls die Entwicklung nicht eindämmen zu können, geschweige denn umzukehren. Was bleibt ist viel Potenzial, das in der zentralen Lage in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof ungenutzt wartet.

Die Theatergruppe Senioreneinsatzkommando, kurz SEK, die vom Consol Theater Gelsenkirchen betreut wird, wünschte sich eine Auseinandersetzung mit dem Thema Leerstand, um so durch Ideen und künstlerische Aktionen das Quartier kennen zu lernen. Aus diesem Anlass schlug man gemeinsam mit den Urbanisten vom 12. bis 15. Juni die Zelte in einem leerstehenden Restaurant in der Bochumer Straße auf. In einem drei-tägigen Workshop und anschließender Präsentation spazierten wir mit dem SEK durch die Bochumer Straße, sammelten Eindrücke über den öffentlichen Raum, befragten BewohnerInnen, besuchten das Stadtteilbüro und diskutierten heiß über eine vermeintlich sinnvolle Art einer urbanen Intervention.

Herausgekommen ist eine Mischung aus künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum und Mitmachaktionen. Die Schaufenster eines ehemaligen Gemeindehauses wurden in Bühnen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft transformiert und künstlerisch inszeniert. Darüber hinaus wurden rote Rahmen als Signal für Lieblingsorte in der Bochumer Straße an Passanten verteilt. Ein anderer Teil der Gruppe war handwerklich tätig und initiierte eine Möblierung und Begrünung für das Viertel. Vertikale Gärten aus Paletten sowie eine „lebende Bank“ zieren nun die Bochumer Straße. Den Abschluss des Workshops bildete eine Präsentation am Samstag. Alle interessierten BewohnerInnen waren geladen, bei selbstgebackenem Stockbrot gemeinsamen zu gärtnern, die Installationen zu erleben und sich über ihr Quartier auszutauschen.

Durch solche Aktionen mag nur ein kleiner Impuls entstehen, dennoch richten sich die Scheinwerfer so auf Orte, die ansonsten vielleicht in Vergessenheit zu geraten drohen. Bemerkenswert sind die hohe Aufmerksamkeit und der großen Tatendrang, die uns in den vier Tagen im Quartier entgegengebracht wurden. Nicht nur das architektonische Potential sticht besonders heraus, sondern vor allem auch das Interesse und die Kraft der BewohnerInnen, die dieses besondere Viertel beleben.